Weihnacht – Geheimnis Gottes. Meditation über 1. Tim. 3,16

„Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis, des Glaubens.“(1. Tim.3,16)

Zu Weihnachten beginnt das Geheimnis Gottes. Wir wären nicht hier, wenn wir nicht eine geheime Sehnsucht hätten, dem zu begegnen, der uns finden will. Wir liebten das Weihnachtsfest nicht, wenn wir nicht schon Erfahrungen von Heimat hätten, Erfahrungen von Liebe, Geborgenheit und Freude, die sich mit dem Weihnachtsfest verbinden. Zu Weihnachten beginnt das Geheimnis Gottes. Und das Geheimnis Gottes ist verbunden mit dem Geheimnis unseres Lebens. Unser Leben in seinem Verlauf enthält Rätsel, bedarf der (Be-)Deutung: Das griechische Wort für Geheimnis „μυστήριον, mystérion“, enthält den ursprünglichen Sinn „die Augen schließen“. Nachsinnend dem Geheimnis unseres Lebens, so lange wir leben, bis zu unserer letzten Stunde, sinnen wir über dem Geheimnis Gottes. – Das Geheimnis entzieht sich mancher Redeweise. Es ist kein Ding, das sich umgrenzen, verfügbar machen ließe.

Eine Redeweise, dem Geheimnis zu begegnen, ist das Bekenntnis. Was Weihnachten für uns bedeutet, bekennen wir zusammen, in der christlichen Gemeinde. Zum Weihnachtsfest gehören die anderen, die Familie, die Mitchrist(inn)en, die Menschen, die erwartungsvoll auf uns schauen, wie wir als Christ(inn)en uns verhalten. Das griechische Wort für Bekennen im Neuen Testament „ὁμολογεῖν, omologein“, meint, dass die christliche Gemeinde trotz aller Unterschiede gemeinsam sprechen kann. Eben so bekennt sie als Gemeinde. Wie sie spricht, entspricht dem Geheimnis. Wir  verehren es. Wir haben Ehrfurcht vor ihm. Angemessen ist die Sprache der Lieder. Ein Weihnachtsfest ohne Weihnachtslieder können wir uns kaum vorstellen. Lieder preisen und loben Gott zur Weihnacht, meist in der Form der Dichtung. Ein solches Lied oder Gedicht der Urgemeinde, eine dieser früheren und frühesten Formen der Weihnachtsbotschaft, begegnet uns in dem ersten Brief, den wahrscheinlich ein uns unbekannter Schüler des Paulus unter dem Namen des Paulus mit dessen Autorität an Timotheus schreibt. Er wird als Leiter der Gemeinde in Ephesus vorgestellt. Wir lesen einen Hymnus. Einen feierlichen Lobgesang lesen wir im 1. Timotheusbrief, Kap.3, V. 16.

„Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist,

erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden,

geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“

„Er ist offenbart im Fleisch.“ Diese Nachricht enthüllt das Geheimnis Gottes. Der die Welt ins Dasein rief, der uns Leben gab, ist uns nahe gekommen. Du suchst den Allmächtigen, und ein Kind schaut dich an. Im Allerzartesten, im Kind in der Krippe, sucht uns Gott in einer letzten, letztgültigen Möglichkeit. „Ich fragte den Wind, es rief der Wind: In hölzerner Krippe liegt das Kind!“  So sucht eine Sprechmotette von Rudolf Otto Wiemer das Geheimnis von Weihnachten zu beschreiben. Der Ewige geht ein in die Zeit. Der Allmächtige geht ein in die Grenzen des menschlichen Lebens. „Den aller Welt Kreis nie beschloss, / der liegt in Mariens Schoß; /  Er ist ein Kindlein worden klein, der alle Welt erhält allein“, singt Martin Luther. (EG 23,3) „Offenbart im Fleisch“, sagt der urchristliche Hymnus: in menschlichem Leben offenbart. Das griechische Wort „ἐφανερώθη, ephaneróthe“, meint zugleich: er erschien.

Weihnachtskrippe in Herford-Laar (Figuren von Guido Moroder,

St. Ulrich / Südtirol, Stall von Hajo Zwiest, Herford-Hollinde)

 

Die Offenbarung Gottes überrascht. Als die Welt nur noch die Sprache der Gewalt verstand, die Sprache der Stärke, der Macht, des Reichtums, teilt sich Gott in überraschender Weise mit: in der Sprache der Liebe. Das Kind kann keine Konkurrenz sein, es bedroht niemanden. Sein Weinen, wie das Weinen jedes Kindes, entwaffnet, erinnert an Hilflosigkeit und das Schutzbedürfnis aller Menschen. Sein Lachen, wie das Lachen aller Kinder, weckt Lebensfreude, erinnert an die Sehnsucht aller Menschen nach Geborgenheit und Glück. Und vielleicht feiern deshalb viele Leute gern das Weihnachtsfest, weil die Beziehung so offensichtlich ist: Das göttliche Kind gehört zu unsern  Kindern. Unsere Kinder gehören zu ihm.

Aber auch deshalb, weil Menschen sich sinnend fragen: Was haben wir bewahrt  von unserm kindlichen Wesen? Was ist das Unverlierbare der Kindheit, das wir auch als Erwachsene nie preisgeben dürfen, wenn wir wir selbst bleiben, wenn wir Menschen bleiben wollen?

 „Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm“, singt Martin Luther. (EG 23,6) Gottes Erbarmen ist grenzenlos. Es greift auch ein in Zonen der Erde, in Situationen des Lebens, die vergessen und verdrängt sind. Wie kann Gott den Menschen nahe sein, die arm und einsam sind oder unverstanden und verlassen, so, dass er einer der Ihren wird? Das arme Kind, für das sich kein Kinderbett fand, das mit dem Futtertrog für Ochs und Esel, der Krippe, vorlieb nehmen muss, lebt so mit uns, dass es die harten Seiten des Lebens mit uns teilt.

Und nun sollen wir nicht denken, nur wenige Stunden habe das Christkind so gelebt. Kaum geboren, wird das arme Kind das Flüchtlingskind. Es ist auf der Flucht in den Tagen der blutigen und grausamen Gewaltherrschaft. Die Erfahrung seit seiner Geburt: ‚kein Raum in der Herberge’ bleibt die Erfahrung seines Lebens. Von der Krippe führte der Weg zum Kreuz. Bei den Traurigen wird der Mann aus Nazareth sein, bei den Verachteten, bei den Kranken, bei rechtlosen Frauen, bei den Kindern, bei allen, die im Elend leben. Als der Heiland berührt, heilt und segnet er mit seinen Händen alle, die nach Liebe hungern. Mit heilenden Worten zeigt er Wege aus Angst und Not. Mit mutigen Worten tritt er gegenüber den Mächtigen für die Schwachen ein. Der Weg von der Krippe zum Kreuz ist der tiefste Weg der Menschlichkeit, den der allmächtige Gott wählt, um uns zu finden. Krippe und Kreuz, Zeichen der Schwachheit und des Leidens, sind Zeichen der Liebe, in der der allmächtige Gott uns sucht und findet. Denn welche    Not und welches Elend wir auch kennen, er hat auch sie schon durchlitten auf seinem Weg von Krippe zum Kreuz, um ganz bei uns zu sein. Das ist das Geheimnis der Liebe Gottes. Es zu verehren, heißt auch, das Geheimnis unseres Lebens zu deuten. Dann erst lösen sich Rätsel deines Lebens, wenn du die Zeichen der Liebe Gottes über deinem Leben, in deinem Leben, erkennst.

„ Mach’s wie Gott, werde Mensch!“ So lautete ein witziger Graffiti-Spruch an einer Mauer. Ja, die Menschlichkeit Jesu ist das neue Menschsein. Adam und Eva steht im christlichen Kalender am 24. Dezember. Mit Christus erscheint der neue Mensch. Der Mensch, wie Gott ihn haben will. Das Geheimnis der Weihnacht werden wir erst deuten, wenn wir in unserem Leben dem nachfolgen, der bei den Armen und Verlorenen war. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt. 25,40) So spricht er, unser Verhältnis zu ihm beurteilend. Und er nennt die sechs Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde aufnehmen, Nackte kleiden, Kranke besuchen, zu Gefangenen hingehen. Der neue Mensch, der geboren wird, entsendet uns, neue Möglichkeiten unseres Menschseins zu entdecken.

Das Geheimnis der Weihnacht (Margot Käßmann)

Aufstehen in der Nacht wie die Hirten. / Auf den Weg sich machen in Kälte und Dunkel.

Im Herzen einfältige Hoffnung. / Sich leiten lassen von seinem Stern,

Den man erkannt hat und den keiner sonst sieht. / Den Weg zu Ende gehen,

Wie die Könige nicht umkehren. / Zur Welt kommen. Geboren werden.“

Das alte Bekenntnis im l. Tim.brief sagt: „Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist“. Es beschreibt so den Weg Jesu von der Krippe zum Kreuz. Das Kreuz, wie die Krippe aus hartem Holz geschnitzt, ist nicht nur Zeichen des Leidens, sondern auch Zeichen der Überwindung dieser Welt. „Gerechtfertigt im Geist“,  sagt: Zu Ostern hat Gott gerade dem leidenden Jesus Recht gegeben und der vollendeten Liebe die Macht gegeben. Der Macht der Liebe, die zu Ostern Recht bekommt, gebührt Verehrung.

Das hat das älteste schriftlich überlieferte Weihnachtslied ausgedrückt. Am Niederrhein gab es die Sitte: Mächtige und angesehene  Herren, die Schöffen des Gerichts, bezeugten Christus als den Herrn aller Herren. In der Christnacht trafen sie sich zuerst in der Gerichtsstube. Dann wanderten sie zur Kirche. Vom  Chorstuhl aus stimmte der Vorsitzende dann das Lied an: „Nun sei uns willkommen, Herre  Christ, der du unser aller Herre bist!“ (EG 22) Und weiter: „Christus ist geboren unser aller Trost, der die Höllenpforten mit seinem Kreuz aufstoßt.“ (EKG 400, 2) Gemeint war: Unser Gefängnis von Angst und Verlorenheit wird geöffnet. Wie ein mächtiger Rammbalken stößt sein Kreuz den Weg ins Freie frei. Deshalb hoffen wir auf ihn trotz Tod und Teufel. Er ist ja der, der Kindschaft bei Gott, das Himmelreich selbst, verschenkt.

Das Kind in der Armut ist das, über dem die Engel singen. Der Mann am Kreuz wird der, vor dem die Felsen des Grabens springen. Gott selbst bekennt sich zu dem, den er in die Tiefen des menschlichen Lebens gesandt hat. Deshalb wechseln im altchristlichen Bekenntnis Titel der irdischen Menschlichkeit mit Titeln der himmlischen Göttlichkeit.

„Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist / erschienen den Engeln/ gepredigt den Heiden/ geglaubt in der Welt/ aufgenommen in der Herrlichkeit.“

Uns zum Trost und zur Hoffnung endet die Botschaft von Weihnachten so, dass das arme hilflose Kind, das später zur Qual ans Kreuz geht, von Gott ins Recht gesetzt wird und zur  Herrlichkeit gelangt. Deshalb ist die Welt noch nicht verloren, weil zu Weihnachten ausgerufen wird, dass die vollendete Liebe in Person kam, weil zu Ostern ausgerufen wird, dass sie den Sieg behält. Deshalb ist noch Hoffnung für die zutiefst verlorene Welt, weil die Macht der Liebe unablässig wirkt.

Das ist das Geheimnis der Weihnacht, der Predigt und dem Glauben anvertraut. Die Welt kennt es nicht und sehnt sich doch zutiefst danach: nach der Heimkehr der Gnade. Deshalb ist noch Hoffnung für dein Leben, weil die Macht der Liebe unablässig wirkt. Das ist das Geheimnis der Weihnacht: Lass dich beschenken mit seiner Freude, seiner Liebe und seinem Frieden und gib sein Geschenk weiter, weil das Geheimnis Gottes verbunden ist mit dem Geheimnis deines Lebens! Amen

Reinhard Gaede: Sternstunden. Erfüllte Zeit. Predigten im Kirchenjahr, I Episteln und Altes Testament, Fromm Verlag, in Vorbereitung (©R. Gaede, BRSD, 2017)

 

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