Wir gedenken: Prof.Dr. Siegfried Katterle +

Siegfried Katterle, Prof. für Volkswirtschaft, war dem Bund der Religiösen Sozialist(innen), gegründet 1919/1926, verboten und verfolgt während der NS-Diktatur, besonders verbunden. Am 17. Juni 1977 reorganisierte und belebte er den damals überalterten Bund zusammen mit Günter Ewald, Prof. für Mathematik in Bochum, (1929-2015), Jürgen Finnern, damals  Studentenpfarrer in Bielefeld, und Dr. Reinhard Gaede, damals Wiss. Ass. und Studentenpfarrer in Bethel, im Gefolge von Student(inn)en aus Bethel und Bochum. In dem neu eingetragenen Verein war er dann Bundeskassenführer und  1977-1983 für die Redaktion der Zeitschrift Christ und Sozialist (heute mit dem Untertitel Kreuz und Rose) verantwortlich. Arbeitslosigkeit nannte er schon damals ein „soziales Hauptproblem“. Seine Forderungen an die Gesellschaft waren:

  • Gerechte Verteilung der Einkommen und Vermögen, (Differenzierung hinsichtlich Leistung  und Motivation, einsehbar, funktional und glaubwürdig) ;
  • Humanisierung der Arbeit (Arbeitsbedingungen, die die Entfaltung      der Persönlichkeit fördern);
  • Versorgung mit meritorischen Gütern (z.B. Recht auf Bildung,       berufliche Ausbildung, Zugang zu kulturellen Einrichtungen und
    Kulturgütern, Recht auf angemessene Wohnung) 
  • konjunkturelle Stabilisierung des Wirtschaftsprozesses, Erreichen      eines hohen Beschäftigungs-Standes (Recht auf Arbeit als
    Staatsziel, Vergesellschaftung des Beschäftigungsrisikos)
  • Erreichen eines sozial- und  umweltverträglichen wirtschaftlichen
  •       Entwicklungspfades, entsprechender Umbau der Produktionsstruktur, qualitatives Wachstum“ (Nachhaltigkeit)
  • Vereinbarung international verträglicher Austauschbeziehungen       zwischen den Ökonomien der Ersten Welt und den Ländern der
  •        Dritten Welt.
  • Regierungen, Verbände und gesellschaftliche Initiativen (Bürgerbewegungen) sollten  sich zum Handeln für das Gemeinwohl vereinen.

Neben dem Typ privatwirtschaftlich geführter Erwerbsunternehmen befürwortete er Unternehmen der öffentlichen oder freien Gemeinwirtschaft, die dem Gemeinwohl (meritorischen Zielen) ver­pflichtet sind. Unterschiedliche öffentliche Träger hielt er für denkbar: Kommunen, Zweckverbände, Länder, Bundesstaat. Auch autonome öffentliche Körperschaften (z.B. Öffentliche Rundfunkanstalten), Freigemeinwirtschaftliche Unternehmungen, die öffentliche Versorgungsziele verfolgen, hielt er für förderungswürdig (z.B. Freigemeinwirtschaftliche Krankenhausbetriebe oder Wohnungsgenossenschaften, Freie Schulen). Unterschiedliche Talente und Wertorientie­rungen können in solch gemischtem Wirtschafts-System am besten integriert werden.

Er forderte öffentliche Planung und Kontrolle der Wirtschaft:

  • Zur besseren Sozial- und Umweltverträglichkeit
  •  zur Erreichung eines hohen Beschäftigungsstandes,
  • zur konjunkturellen Stabilisierung der Ökonomie.

Der Parlamentarismus müsste ergänzt werden durch sinnvoll arbeiten­den Korporatismus (in vielen westlichen Demokratien institutionalisiert): Zusammenarbeit von Regierungsstellen, Gewerkschaften, Wirt­schaftsverbänden. In Wirtschafts- und Sozialräten für einzelne Branchen, auf regionaler, nationa­ler und supranationaler Ebene könnte solch öffentliche Planung organisiert werden.

Ziel des demokratischen Sozialismus sollte eine Übertragung der demokratischen Ideen aus dem politischen System auch auf das wirtschaftliche sein. Erst so könnte die demokratische Gesellschaft eine Kontrolle über die Wirtschaft gewin­nen, die derzeit im Kapitalismus soziale Lebensverhältnisse und die Umwelt der Menschen zerstört. Diese Verände­rungen sind innerhalb des Rahmens möglich, den das Grundgesetz vorgibt.

Mit seinem  partizipatorischen Plan-Markt-Modell auf der Grundlage annähernder Gleichheit stand er in der Tradition  religiös-sozialistischer Denker wie dem Nationalökonomen Eduard Heimann (1889-1967, Kurt Nemitz (1925-2015). Auch Gedanken von Ota Sik (1919-2004), Wirtschaftsminister im Prager Frühling, sowie von Arthur Rich (1910-1992), Schüler von Leonhard Ragaz, Sozialethiker in Zürich gingen in diese Richtung.

Seine Freundlichkeit, sein großes Wissen in Wirtschaftswissenschaften  und Theologie werden seinen Freundinnen und Freunden immer in Erinnerung bleiben.

Dr. Reinhard Gaede, Herford, Ehrenvorsitzender des BRSD

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