Predigten

Zum ersten Advent: Aus der Wüste zur Oase. Bilder der Hoffnung

Meditation zu Jesaja 35,1-10

von Dr. theol. Reinhard Gaede

Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. 2 Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unsres Gottes. 3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! 4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« 5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervor-brechen und Ströme im dürren Lande. 7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.   8 Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. 9 Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. 10 Die Erlösten des HERRN werden wieder-kommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.                                                                                  

Von der Wüste spricht der Prophet. Es gibt Felsenwüsten, zerklüftetes, scharfkantiges Gestein, an dem man sich verletzen kann. Es gibt Sandwüsten, wandernde Dünen, die alles unter sich begraben. Wüsten – Leblosigkeit und Verlassenheit. Weh dem, der in eine Wüste gerät!

Es gibt Menschen am Rande der Wüste. Von der Einöde und Steppe spricht der Prophet. Kümmerlich fristen sie ihr Leben, kämpfen mit Wassermangel, suchen kargen, trockenen Boden, um ihm  Nahrung abzugewinnen. Zu Menschen spricht der Prophet, die Krieg und Gefangenschaft hinter sich haben, Zeiten gesellschaftlicher Katastrophen als Folge militärischer Abenteuer. Weltreiche sind aufgestiegen und gefallen: Assur, Ägypten, Babylon. Nun herrscht Persien. Und Jesaja, wahrscheinlich ein Schüler in seinem Namen, schreibt seine Vision ca. 500 vor Christus. Trauer, Tränen, Trümmer sind Vergangenheit. Der Wiederaufbau ist geschafft. Aber rechte Freude will nicht aufkommen. Resignation und Hoffnungslosigkeit breiten sich aus. Von müden Händen, wankenden Knien und verzagten Herzen spricht der Prophet.

Wir sind ja nicht Zeitgenossen dieser Menschen. Aber das wissen wir auch, wie Angst das Herz eng machen kann, wie Hände mutlos herabsinken und Knie zittern können. Und Wüsten kennen wir auch. Unser Wohlstand ist zwar gewachsen, aber die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr. Auf der einen Seite können viele Menschen ihre Lust auf Luxus z.B. teuren Schmuck und edle Pelze oder Abend-Kleider und -Anzüge befriedigen, auf der anderen Seite sind immer mehr Menschen da, die soziale Einrichtungen um Kleider oder Möbel bitten müssen. Auf der einen Seite lockt die Werbung oft zu sinnloser Verschwendung, auf der anderen Seite brauchen Normalverdiener, Rentner und Arbeitslose ihr Geld für die nötigsten Anschaffungen oder müssen es sich sogar leihen. Auf der einen Seite lockt eine aufwendige Verpackung das Interesse der Käufer, auf der anderen Seite entsteht immer mehr Müll. Auf der einen Seite jagt eine Nahrungs-mittelkrise die andere wegen verdorbener Lebensmittel, auf der anderen Seite wünschen sich alle eine gesunde Nahrung. Auf der einen Seite wollen Menschen Kleidung im Discount-Laden billig kaufen, auf der anderen Seite sterben die Arbeiterinnen, weil die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen in Werkstätten der armen Länder z.B. in Bangladesch fehlten. Mutlosigkeit und Resignation entsteht in hausgemachten sozialen Krisen und in einer Umwelt-Krise. Und umgekehrt begünstigt Verantwortungslosigkeit und Gleichgültigkeit die vorhandene soziale Ungleichheit und die Zerstörung der Umwelt. Eine wahrhaft verwüstende Gleichgültigkeit und Profitgier der Verantwortlichen gefährdet die Lebensbedingungen. Armut von Menschen, sterbende Bäume, an ihrer Nahrung erkrankte Menschen sind mahnende Zeichen. Wüsten und Einöden werden heute produziert.

Es ist Advent geworden. Wir sollten mehr darauf achten, dass es eine Buß-zeit ist.       In der Kirche zu Herford-Laar wird das  dargestellt durch das lila Parament. Ein Fruchtbaum zeigt dürre Zweige. Die Axt liegt schon bereit. Oder wird er Frucht bringen (Mt. 3, 10)? Nach Jesu Worten leben wir in einer Zeit der Geduld Gottes. Gott wartet, ob wir Menschen uns ändern. Der Schöpfer, der uns das Leben gegeben hat, wartet, ob wir helfen, seine Schöpfung zu bewahren, indem wir uns erkennen als Geschöpfe unter den Mitgeschöpfen, den Tieren und Pflanzen. Christus, der uns auf unsere Mitmenschen hinweist, wartet, ob wir antworten auf seine Gebote der Gerechtigkeit und des Friedens. Wie wir mit den Armen und Schwachen umgehen, ist der Ernstfall. Im Advent wartet Gott auf unsere Buße, d.h. mit dem hebräischen Wort des Alten Testaments ‚Schub’ gesprochen, auf unsere Umkehr, mit dem griechischen Wort des Neuen Testaments ‚metanoia’ gesprochen, auf unser Umdenken. Zornig wartet Gott, der Schöpfer der Welt und Partner des Bundes mit seinem Volk und mit allen Menschen. Dass die Bibel von Gottes Zorn redet, sollen wir nicht vergessen. Gottes Zorn trifft Menschen, die ihn vergessen und leben, als gäbe es keinen Gott. Von Gottes Rache spricht der Prophet sogar. Gottes Rache ist jedoch nicht mit menschlichem Handeln vergleichbar, ist erst recht keine menschliche Gewaltaktion „Die Rache ist mein“, sagt Gott. (Röm.12,19) Gottes richtendes und Bosheit rächendes Handeln in der Zeit hat einen prüfenden Maßstab – so sagt uns Jesus – ob wir Barmherzige geworden sind oder nicht. (Matth. 25, 31-46)

Als der Wartende bleibt Gott nicht in der Ferne. Die Botschaft des Propheten ist voller Jubel: „Seid getrost, fürchtet euch nicht, seht, da ist euer Gott!“ Er „kommt und wird euch helfen.“ Wahrscheinlich können wir nur deshalb den Anspruch Gottes auf unser Leben ertragen, weil wir auch seinen Zuspruch hören: Er will bei uns sein, uns zu helfen. Keine Situation ist so hoffnungslos, dass wir uns nicht Gott anvertrauen könnten und als Kinder auf die Hilfe des himmlischen Vaters warten dürften. „Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“ So hat uns Christus beten und auf die Hilfe Gottes zu warten gelehrt. Im Vertrauen auf Gott, im Fragen nach seinem Willen beginnt der Weg aus der Wüste. Neue Hoffnung zieht ein. Es wird Advent.

Seht die Hoffnungsbilder des Propheten im Advent! Die Wüste lebt. Wo Steppe braun verbrannt lag, blühen Lilien. Die Herrlichkeit des Bergwaldes breitet sich auch in unfruchtbaren Zonen aus. Teiche und Quellen für Brunnen dort, wo Trockenheit und Dürre war. Wo Wüstentiere hausten, wächst Gras, Rohr und Schilf. Neuer Lebensraum auch für Menschen. Schilf und Rohr schneidet man für Hausdächer. Von kleinen Teichen aus kann man Felder bewässern. Bäume tragen Frucht. Aus der Wüste ist eine Oase geworden. Gut für Mensch und Tier. Sie leben zusammen als Geschöpfe Gottes. Eine erneuerte Schöpfung, in der auch behinderte Menschen heil werden.

Welch kühne Hoffnung im Advent! Sollen wir es wagen, mitzuhoffen für unsere Welt von heute? Hoffnungen wachsen bei den Sehnsüchtigen. Sie leiden unter Zuständen, die lebensfeindlich sind. Anders als die Satten uns Selbstzufriedenen haben sie Träume von einer neuen Welt, in der es sich lohnt zu leben, weil in ihr Gottes Gaben sich entfalten dürfen.

Wie ist es, wenn unsere Wüsten sich wandeln und leben?

Blumen wachsen von Balkonen herab.

Die Kinder bekommen ihren Spielplatz und alte Leute ihre Bank in der Sonne.

Der stinkende Abwasser-Kanal führt frisches Wasser, es wimmelt von Forellen, Enten schwimmen und suchen nach Futter.

Kinder füttern die Hühner der Familie.

Die Kasernen werden ein Robinson-Spielplatz für Kinder.

Die Waffen-Fabriken produzieren zur „Konversion“ jetzt  Windräder, Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke.

Auf der Startbahn für Kampfflugzeuge blühen Kirschbäume

Und dass einmal aus einer Kanone eine Glocke gegossen wurde wie in der Gemeinde Laar in Herford, ist längst kein Einzelfall mehr.

Die Völker „werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“.

Statt Abschreckungsprogramme mit Atomraketen vorzubereiten, planen sie Feigen- und Weinbau-Kulturen.

Die Propheten regen an zu Träumen der Hoffnung im Advent.

Das letzte Wort „Schwerter zu Pflugscharen“ sprach Jesaja (Jes. 2,4) und Micha  sprach außerdem noch über das Sitzen unter dem eigenen Wein-stock und Feigenbaum ohne Schrecken. (Micha 4,4)

Noch immer ist die Welt nicht so. Liegt es an den Propheten? Oder liegt es an der Welt? Es liegt an Menschen in der Welt, die sich nicht ändern wollen. Dennoch hört Gott nicht auf, zu rufen, zu mahnen, die Welt durch neue Botinnen und Boten in Unruhe zu versetzen. In eine heilsame Unruhe, die lebensfeindliche Verhältnisse erschüttert.

In Christus hat Gott die Hoffnung der Propheten nicht aufgehoben, sondern neu bekräftigt. Als der Mensch, feindselig gegen Gott, auch zerfallen war mit dem Mitmenschen, vor sich selbst die Folgen seiner Taten nicht mehr verantworten konnte, kam Gott selbst zu den Menschen in den Worten  und Taten Jesu von Nazareth. Johannes der Täufer, sehnsüchtig wartend im Gefängnis, fragt ihn: „Bist du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Und Jesus antwortet: Das Erkennungszeichen ist, die Worte des Propheten erfüllen sich: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Mt 11,6) Nicht die Hoffnung soll sich ändern. Der Zustand der bisherigen Verhältnisse soll sich ändern. Seit die Propheten sprachen und der Heiland durch das Land ging, wächst Gottes Reich. Aus kleinem Anfang, dem Kreis von 12 Jüngern, breitet es sich unaufhaltsam aus und sucht Mitarbeiter(innen).

Sicher, die Welt wollte sich nicht ändern. Aber Gott trägt eher das Kreuz, als seinen Plan aufzugeben. Sicher, die Schuld ist groß. Aber Gottes Liebe hört nicht auf und will sie überwinden.

In Bethel gab es früher eine Geschenk-Stube. Beatrice verkaufte dort handgewebte Decken und Läufer, Krippenfiguren und anderes von Patienten Gemachte. Manchmal hatte sie schöne Erlebnisse wie die Begegnung mit dem kleinen Mädchen. Es kaufte eine Karte mit einer Christrose für seine Mutter. Und dann muss es ihr doch wenigstens das Geheimnis sagen, das sie für ihre Mutter hat. Sie kann schon ein Weihnachtslied singen.

Aber einmal passiert etwas Schreckliches. Sie wird abends spät zum Laden gerufen. Die Schaufensterscheibe ist zertrümmert, die Krippenfiguren zerstreut, zertreten, stattdessen eine Schnapsflasche auf dem Tannengrün. „Kommen Sie, der Übeltäter sitzt im Pförtnerhaus“, sagt man ihr. Und dann spricht sie mit ihm. Finster ist er, betrunken. Seine Tat gibt er zu, er will sogar ins Gefängnis. Sie sprechen über seine Motive: Das Unglück. Ein Flugzeug ist abgestürzt, Frau und Kind hat er verloren. Nun ist er, der Landwirt, ein Vagabund geworden, immer betrunken. Er wird zur Herberge zur Heimat geführt. Er wird erinnert an seine Angehörigen, die auf ihn warten. Der alte Vater, die kleine Tochter. Dorthin soll er nach Weihnachten zurückfahren.

Drei Jahre später kommt ein Brief. Der Übeltäter von damals dankt Beatrice. Sein Vater hatte den Hof gerettet. Seine kleine Tochter ist glücklich, dass er wieder da ist. Er hat wieder geheiratet und einen Sohn bekommen. Seine Frau stellt die Krippe auf und singt: „Christ, der Retter, ist da.“

Christ, der Retter, ist da. Er ist der Bürge dafür, dass die Hoffnung der Propheten sich erfüllen wird. Dass die Welt nicht verloren ist, und wir auch nicht. Dass wir zu neuem Leben berufen sind als „die Erlösten des Herrn“. Amen

 

 

Gottes Sturm und Feuer erschafft die Gemeinde.

Pfingsten, Predigt über Apg. 2, 37-47

von Dr. theol. Reinhard Gaede

Die erste Gemeinde

37 Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? 38 Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. 39 Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird. 40 Noch mit vielen andern Worten bezeugte er das und ermahnte sie und sprach: Lasst euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht! 41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.

42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43 Es kam aber Furcht über alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Sturm und Feuer, liebe Gemeinde, sind die Zeichen von Pfingsten. Sturm und Feuer brechen herein, Zeichen einer Erschütterung und Umwandlung von Menschen. Die Gegenwart des göttlichen Geistes wird spürbar. Der göttliche Geist nimmt Besitz vom menschlichen Geist, wird zur bestimmenden Macht, treibt Menschen über sich hinaus. Ihnen werden Kräfte, Fähigkeiten und Einsichten zuteil, die sie nicht hatten. Sie stellen sich mit Wort und Tat Gott zur Verfügung. Sie einigen sich über Grenzen und Hautfarben hinweg.

Sie werden Gemeinde Christi. Soweit die Pfingstgeschichte des Neuen Testaments.

Was ist unsere Pfingstgeschichte? Eine ganz und gar un-pfingstliche Geschichte, die die Geschichte vieler ist, hat sich so abgespielt: Zu Pfingsten kamen sie zusammen und trafen sich gerne wieder. Am Himmel regte sich kein Lüftchen. So kam es, dass sie unter sich blieben. Kein neuer Gast störte. Sie hatten auch niemanden erwartet. In anderen Gegenden der Stadt tummelten sich Leute aus aller Herren Länder. Die sagten: Man hört gar nichts mehr von der christlichen Gemeinde. Dieses Thema „Christi Wort und seine Hilfe“ scheint sich erledigt zu haben. Und dann sprachen sie weiter von ihren Sorgen. Gestern waren wieder einige arbeitslos geworden, andere waren krank geworden, einige Neuzugezogene hatten keine Wohnung bekommen. Und so verging ihnen der Pfingsttag, ohne dass sie etwas erlebt hatten. – In der kleinen Gruppe von Leuten, die dagegen Pfingsten feiern wollten, hielt einer eine Rede. Er sagte: Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, dass Christus und sein Wort eine Sache der Vergangenheit ist. Für die Gegenwart hat das keine Bedeutung mehr. Jeder ist ja auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, Die einen verwenden all ihre Zeit, ihr Geld und ihre Gedanken für den Bau eines Hauses und für Gartenanlagen. Die andern haben sich für dasselbe Ziel hoch verschuldet. Wieder andere arbeiten rund um die Uhr, um das große neue Auto abzubezahlen. Wieder andere halten das Militär und die Marktwirtschaft für die wichtigsten Faktoren der Welt und kümmern sich deshalb nicht um die ökumenische Ausrichtung der Gemeinde Christi in aller Welt. Sollen wir alleine von diesem Thema wieder anfangen? Das Beste ist, wir lassen die andern in Ruhe. Dann bleiben auch wir ungestört. Es genügt, wenn wir das Andenken Jesu in Ehren halten. Im Übrigen bleibt alles, wie es ist. Und so verging ihnen der Pfingsttag, ohne dass sie etwas erlebt hatten. Das waren  ganz und gar u n-pfingstliche Geschichten unserer Tage.

Als wir im Jugendkreis über die biblische Geschichte sprachen, meinte einer unserer jungen Leute – und ich musste dem zustimmen: Das Un-pfingstliche ist die Trägheit, die Unentschiedenheit, die uns überkommt, wenn wir dem Worte Gottes begegnen. Dass es mit Langeweile angehört und keinerlei Folgerungen gezogen werden im Blick auf unser Leben, auf das Leben der Gemeinde und das Leben in unserm Land.

Der Heilige Geist bewirkt den Aufbruch aus dieser Trägheit. Es beginnt mit einer Erschütterung. „Christus ist der lebendige Herr für uns“ – dieses göttliche Wort lassen Menschen an sich heran. Sie schalten nicht ab, sondern sind aufmerksam. Und – so heißt es – dieses Wort „geht durchs Herz“. Christus der Herr ist auferstanden, er lebt und wirkt und ist uns nah als göttliche Macht der Liebe. Das hören Menschen mit Beschämung und Freude zugleich. Gerade weil wir uns gegenüber Gott feindselig oder gleichgültig verhalten haben, werden wir angeredet: Für dich ging er ins Leiden, ans Kreuz. Damit du siehst, Er ist neben dir, ja noch unter dir. Er sucht deine Nähe. Am Kreuz als der Spitze der Schmerzen zeigt Er Seine Liebe, und damit ist die Entfremdung zwischen Gott und dir, Mensch, aufgehoben. Und für dich überwand Er den Tod. Damit Er dir jetzt und immer nahe ist. Beschämung und Freude „geht durchs Herz“, heißt es. – Die erste Reaktion ist Ratlosigkeit. Ja, dann gingen wir doch bisher von falschen Maßstäben aus. Wir sahen zu, wie der Mammons- Dienst sich einbürgerte. Und wir sahen nicht die Opfer dieses Gewinnstrebens. Wir sahen, wie der Egoismus der Leitgedanke des Volkes wurde als nationalistische Leidenschaft. Oder ist das Vergangene schon wieder anerkannt? Der Leibstandarte Adolf Hitler wird von der Stadt Spenge zu Pfingsten eine beträchtliche Geldsumme überreicht, damit sie auf ein Treffen verzichtet. Die Herren von gestern stellen wieder Forderungen – mit Erfolg. Druckerzeugnisse, triefend von Hass gegen Juden und andere Völker werden wieder verbreitet, und die Staatsanwaltschaft erklärt, sie könne nichts machen. Brutalität regt sich. Wir denken an die wahnsinnige Grausamkeit der Terroristen. Mammons-Dienst, Gewalt-Glaube oder Christus-Dienst? – Der Heilige Geist entlarvt den Geist der Bosheit. Er fegt gedankenlose Trägheit weg. Er führt aus der Schlaffheit und Angst zum Aufbruch in die Freiheit. Buße und Taufe sind der Anfang eines neuen Lebens, das durch die göttliche Macht der Liebe gestaltet wird. Der Heilige Geist treibt zu Werken der Liebe. Unsere Gaben verbinden Menschen an verschiedenen Orten und sagen: Die Liebe Christi eint ums. Und ebenso wie diese Gaben bedürftige Menschen beglücken, kann deren Zeugnis uns die Maßstäbe zurechtrücken.

Der christliche Bauer Babaui in Ägypten sagt: „Ich schaue mich um, und da kann ich Gott nur für seine Güte preisen. Wir haben einen Lehmziegel-Schuppen voll Korn, genug – Gott sei’s gedankt bis zur nächsten Ernte. Wir haben den Wasserbüffel, der gibt uns Milch. Wir verkaufen die Butter. Und von der entrahmten Milch machen wir Käse, den essen wir jeden Tag. Zwei Dattelpalmen im Garten geben 36 Liter Datteln zu jeder Erntezeit. Wir verkaufen etwas davon und trocknen den Rest, genug für unsere Bedürfnisse. Dann haben wir noch acht  Hühner und einen Hahn und bekommen am Tag fünf Eier. Schau unser Haus ist voll mit den Gaben Gottes!“

Der Heilige Geist befreit Menschen zu Dank und Lob. Fern von Habgier und

Hetze loben sie Gott für das, was zum täglichen Brot reicht. Die mehr haben als das tägliche Brot, lernen das Teilen. Der Heilige Geist treibt auch heute noch Menschen dazu, dem Beispiel der Urgemeinde zu folgen: „πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτὸ καὶ εἶχον ἅπαντα κοινὰ καὶ τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον καὶ διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν· Alle aber, die glaubten, waren beieinander und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Besitz und Habe und teilten den Erlös unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apg 2, 44f.) Sie sagten also nicht immer: „das und jenes gehört mir“, sondern sie teilten, bis es keinen Hunger mehr gab. Ein guter alter pietistischer Spruch sagt: „Es ist einer erst dann wirklich bekehrt, wenn er bis in den Geldbeutel bekehrt ist.“ Der Heilige Geist treibt zu Werken der Barmherzigkeit. Unter seinen Einfluss lassen Menschen sich nicht nur zu Spenden bewegen, sondern sie ändern Eigentumsverhältnisse so, dass alle genug zu essen haben. Wenn. Mangel herrscht, ist das eben ein Zeichen, dass die Eigentumsverhältnisse so verändert werden müssen, so dass alle genug haben. Wenn Sozialismus eine Methode ist, den „armen Leuten zu Brot zu verhelfen“ – wie Pfarrer Christoph Blumhardt (1842-1919) sagte – dann hatte das Urchristentum einen solchen Sozialismus allerdings in sich, einen, der den Menschen hilft, die Persönlichkeit entfaltet, die Armen sättigt. ‚Allen Brüdern und Schwestern nach ihrem Bedarf!’ ist die alte Lebensweise der Urgemeinde. So treibt der Heilige Geist dazu, Christus den lebendigen Herrn zu loben, unser Leben der göttlichen Macht der Liebe zu übergeben. Dass wir uns wiederfinden in einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die herzliche Anteilnahme zeigt am Schicksal der andern und sich mit Christ(inn)en aller Länder verbunden weiß. So wird unser Leben sinnvoll. Wir entdecken Aufgaben. Wir werden frei von Feindseligkeit und Rachsucht, bekommen Mut in den Ängsten des Alltags und Freude.

 „Wolken zerreißen / über einer Erde, / die nach Veränderung schreit. / Kein Metereolog / vermag diesen Sturm zu bestimmen /… Heiliger Geist! / komm über uns / und befreie uns /…verwandle uns / in unserm Nächsten / zum Bilde des wahren Menschen!“

(Johannes Jourdan)

Amen

 

 

Ostermorgen am See.

Ostern. Meditation über Joh. 21, 1-14

von Dr. theol. Reinhard Gaede

Die ganze Welt, Herr Jesu Christ / in deiner Urständ fröhlich ist.“ So beginnt das Osterlied von Friedrich Spee (1623), EG 110. Der erwachende Frühling wird seit jeher in die Osterfreude einbezogen. Das Grün, der Gesang der Vögel, der Sonnenschein – die Welt erneuert sich, so sieht es der Dichter. In manchen Gegenden eilt man früh am Ostermorgen zum Brunnen, um sich die Augen zu waschen. Zu Ostern bekommt man gleichsam neue Augen für die Wunder Gottes.

Die Geschichte von einem österlichen Morgen am See nach dem Johannes-Evangelium (Kap. 21) erzählt, wie in der Begegnung mit dem Auferstandenen Herrn das Leben der Jünger neu wird.

Der Auferstandene am See von Tiberias

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

9 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch.

14 Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Petrus und eine kleine Schar der Jünger haben die ganze Nacht auf dem See gefischt.

Am Morgen sehen sie einen Mann am Ufer. Der fragt sie: „παιδία, μή τι προσφάγιον ἔχετε; Kinderchen, habt ihr nichts zu essen?“ Das griechische Wort προσφάγιον meint eigentlich: „Habt ihr keinen Fisch zum Brot?“ Sie antworten: „Nein“. Der Mann am Ufer ändert an diesem  österlichen Morgen die Lage. Er lässt sie noch einmal die Netze auswerfen. Und plötzlich sind sie wunderbar beschenkt. So viele große Fische sind im Schleppnetz, dass sie es nicht ziehen können. Als sie an Land kommen, finden sie ein Kohlenfeuer mit Fischen darauf und Brot. Der Unbekannte fordert sie auf, die gefangenen Fische zu bringen.

Wunderbar, dass das Netz trotz der Fülle des Fangs nicht zerreißt! Dann lädt der Unbekannte ein: „δεῦτε ἀριστήσατε. Kommt und haltet das Mahl.“ Jetzt wissen sie, wer der Unbekannte ist, den sie nicht nach seinem Namen zu fragen wagten. Es ist der Herr. Er ist nicht mehr tot, das Grab hat ihn nicht halten können. Er lebt und hat sich zum dritten Mal seinen Jüngern gezeigt und offenbart.

153 Fische wurden den Jüngern geschenkt. Ein geheimnisvolles Zeichen. Zu „Menschenfischern“ hat Christus die Fischer vom See Tiberias (Genezareth) gemacht, die Zahl deutet auf die Gesamtheit der Gläubigen hin. Über die Gemeinde spricht der auferstandene Christus mit seinen Jüngern Petrus und Johannes.

Friedrich Paul Scholz hat diese Szene in einem Fensterbild dargestellt und sie „Ostermorgen am See“ genannt; denn die Begegnung mit dem Auferstandenen ist ein Oster-Geschehen. Christus, kenntlich durch den roten Schein seiner Herrlichkeit, spricht zu Petrus.

Im Hintergrund Johannes. Links von Petrus angedeutet das Kohlenfeuer mit Fisch und Brot. Dreimal fragt Jesus seinen Jünger Petrus: Hast du mich lieb. Dreimal, denn dreimal hatte Petrus seinen Herrn verleugnet, als es gefährlich war, zu der Schar des gefangenen Jesus zu gehören (Joh. 18, 25-27).

Dreimal antwortet Petrus: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Dreimal bekommt er darauf hin denselben Auftrag: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe, weide meine Schafe!“.

An einem Morgen der Osterzeit gründet der auferstandene Herr seine Gemeinde. Er vergibt bisherige Treulosigkeit. Und er zeigt das durch einen neuen Auftrag. Damit schafft er Gemeinschaft. Durch ihn gehören Menschen jetzt zusammen als seine Jünger. Das griechische Wort „μαθηταὶ, Mathetai, für „Jünger“ bedeutet eigentlich: Sie lernen bei ihm. Bei ihm lernt man nie aus. Zu Ostern lernen wir: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Weil Christus ewig lebt, ist die Welt neu geworden. So hat er gesprochen, und zu Ostern wurde es bestätigt: „ἐγώ εἰμι ἡ ἀνάστασις καὶ ἡ ζωή· ὁ πιστεύων εἰς ἐμὲ κἂν ἀποθάνῃ ζήσεται Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh. 11, 25). Beim Abendmahl dürfen wir seiner Gegenwart gewiss sein und vertrauen, dass er uns teilhaben  lässt an seinem Leben, das ewig ist. Wie dem Petrus gibt Christus uns Aufträge, seine Gemeinde zu leiten und für ihr Wohl zu sorgen.

„Kinderchen, habt ihr nichts zu essen?“ Mit seiner teilnahmsvollen Frage beginnt das Treffen an diesem Morgen der Osterzeit.

Auch uns ist aufgetragen, Not wahrzunehmen, Not zu lindern. „Habt ihr keinen Fisch zum Brot?“ fragt Jesus die Fischer. Wir denken an die armen Fischer der Welt, denen die Nahrungsgrundlage fehlt, weil  die Flotten der reichen Länder ihnen die Fische weggefangen  haben, oder weil technisch hoch gerüstete Fangflotten die Meere leer fischen.

Wie die Fischer am Ostermorgen müssen sie traurig antworten: „Nein“. Aber Christus stillt den Hunger seiner Freunde.

Die christliche Gemeinde nimmt teil an Werken Jesu, zu helfen und zu heilen. Gott und den nächsten Mitmenschen zu lieben, lernen wir von Jesus. Dabei dürfen wir uns nach ihm nennen: Jüngerinnen und Jünger, die bei ihm lernen, Christinnen und Christen.

Amen

Zeugen des Glaubens.

Palmsonntag und Karwoche,  Meditation über Hebr. 12, 1-3

von Dr. theol. Reinhard Gaede

Der Weg des Glaubens seit Christus

1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt! Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

In unserer ev. Kirche hat die Reformation mit ihrem Sturm für die „Freiheit eines Christenmenschen“ die Grundlagen unseres Glaubens freigelegt und hat damit zugleich die Bräuche der Heiligen-Verehrung hinweggefegt. So sehen wir manchmal mit Kopfschütteln, manchmal belustigt, wie die katholische Kirche für jedes Kirchengebäude die sterblichen Überreste eines Heiligen oder einer Heiligen braucht, und wenn sie nicht genug davon hat, sie solche aufteilen muss. Die verehrten Heiligen sind weg. Aber droht jetzt nicht die gegenteilige Gefahr? Unsere Zimmer wirken kalt und leer. Es fehlen die Bilder der Mütter und Väter der Kirche, der vielen Zeuginnen und Zeugen des Glaubens. Andere haben ihren Platz eingenommen, die Idole, die Bilder der Stars aus Filmen und von den Bühnen des Show-Geschäfts. Meist hängen sie nur kurze Zeit, dann sind andere an ihrem Platz.

Eins meiner interessanten und wichtigen Bücher sind die alten Ausgaben von Jörg Erb. Sie erschienen in der Nachkriegszeit. Im Vorwort schrieb der Dichter Willy Kramp: „Das christliche Abendland hat die Urbilder seines Lebens verloren…als seien sie alle, die großen Gehorsamen, Demütigen und Vertrauenden stumm in die Trümmer unserer … zerstörten …Welt hinein gesunken.“ Aber „ohne das väterliche oder brüderliche Urbild kann kein Volk leben“. Und dann werden in vier Bänden die Lebensgeschichten von Christen und Christinnen aus allen Jahrhunderten erzählt und bekommen ihre Gedenktage. Unter denen im März findet sich der Name Veit Dietrich, * 18. Dezember 1506, + 25. März 1549. Ein mir bisher unbekannter Name. Ein Kind aus einer armen Familie in Nürnberg lernt in der Schule Latein, damals der Schlüssel zur Bildung, lernt die Reformatoren Philipp Melanchthon und Martin Luther kennen, wird dann Luthers Freund und Sekretär. Er begleitet den Reformator auf seinen Wegen, teilt mit ihm die Einsamkeit auf der Burg Coburg, von Dohlen umschwirrt, wo sie die Verhandlungen auf dem Augsburger Reichstag 1530 verfolgen und die Protestanten bei der Formulierung des Augsburger Bekenntnisses beraten. Man findet es heute in unsern Gesangbüchern (EG 857). Auch Krankenpfleger und Tröster in Kümmernissen war er für Martin Luther, zeichnete seine Reden und Gebete auf – ohne ihn hätten wir sie nicht. Später wurde er Pfarrer in Nürnberg und war Abgesandter der Stadt auf dem Reichstag zu Regensburg. „Wie man in Todesnöten sich christlich schicken soll“ war der Titel eines Büchleins, und darin schrieb er: „Es sei der Tod so schrecklich, die Sünde so mächtig, der Teufel so giftig, wie er wolle, wir haben Gottes Heiland, der ist stark genug, dass er uns aus dem Tod ins Leben und aus der Sünde in die Gerechtigkeit rucken kann.“ Ein Zeuge des Glaubens.

Und in großer, schöner Schrift sind im ersten Band von Jörg Erb die Verse aus dem Hebräerbrief gedruckt, die wir eben gelesen haben: von der Wolke der Zeugen. An eine bedrängte Gemeinde, in der viele mutlos geworden waren, schreibt der Hebräerbrief, ca. im Jahr 80 n. Chr. Im Alltag kann die Gemeinde sich leicht verflüchtigen. Die heidnische Umwelt lockt und droht. Gefangenschaft, Raub ihres Besitzes haben einige erlitten. Mit schweren Bedrohungen rechnet der Lehrer der Gemeinde. Unter Kaiser Domitian kommt es ab 93 n. Chr. zu Todesurteilen, nachdem die Christen nicht mehr im Schutz der anerkannten jüdischen Gemeinde stehen. Wir sind nicht allein, sagt der Hebräerbrief  in dieser Situation allen zur Ermutigung. Die Wolke von Zeugen ist mit uns unterwegs, Frauen und Männer, die wie wir durch Dunkelheiten des Lebens, ja durch Angst und Schrecken hindurch gegangen sind, sind mit uns auf unserm Weg. Vorbilder ermuntern und geben Kraft, ihnen ähnlich zu werden. Im Blick auf sie deutet die Gemeinde ihren Weg. Das wandernde Gottesvolk sind wir.  – Im vorangegangenen Kapitel 11 hat der Hebräerbrief eine lange Liste solcher Zeuginnen und Zeugen aufgeführt, Namen, hinter denen sich Geschichten voller Abgründe verbergen.

Da ist Abel, dessen Name so viel wie ‚Hauch’ bedeutet. Er wurde von seinem Bruder aus Neid erschlagen, bloß weil Gottes Wohlgefallen auf ihm ruhte. Der Erzähler der Urgeschichte hatte mit dieser Gestalt den Blick auf die Opfer menschlicher Gewalt gelenkt, zur Warnung vor böser, grausamer Gewalt, mit der Zusicherung, dass Gott die Schwachen schützen will, indem er ein Gericht für Gewalt-Täter ankündigt.

Da ist Noah, der Gott vertraute, auf sein Geheiß die Arche baute und so mit seiner Familie gerettet wurde. Noah, mit dem Gott einen Bund schließt, dass durch Geduld Gottes mit den bösen Menschen die Schöpfung Bestand haben soll, im Rhythmus der Arbeit, im Lauf der Jahreszeiten.

Da sind Abraham und Sarah. Auf Gottes Verheißung vertrauten sie und verließen ihre Heimat. Über Berge und fremde Länder zogen sie, wohnten in leichten Zelten, bis sie in das verheißene Land kamen. Und der Sohn, den ihnen Gott versprochen hatte, wurde doch geboren, obwohl Sarah wegen ihres hohen Alters schon daran gezweifelt hatte, so dass Abraham zum Vater der Völker wurde, als Vater des Glaubens zum Segen für das Gottesvolk. Glaube ist Vertrauen auf Gottes Verheißung, Glaube ist Gehorsam gegenüber dem Auftrag Gottes, lehrt das Zeugnis Abrahams.

Da sind Isaak, Jakob und Joseph, die in besonderer Weise Gottes Bewahrung und Führung erfahren hatten, Gott vertrauten und zum Segen für das Gottesvolk wurden. Glaube gibt Kraft, andere Menschen zu segnen, lehrt ihr Beispiel.

Da ist die wunderbare Geschichte des Mose. Ein armes Findelkind wird Prinz von Ägypten und hat doch Mitleid mit dem unterdrückten Volk Israel. Er lässt Schatzkammern zurück, fürchtet den Zorn des Herrschers nicht und zieht mit seinem Volk aus, vielen Gefahren trotzend, im Vertrauen auf Gottes Hilfe und erlebt mit dem Volk die Rettung vor den Verfolgern durch Gottes Hilfe. Glaube gibt Mut zum Widerstand gegen Unterdrückung, lehrt das Zeugnis Moses.

Da ist Rahab, eine verachtete Prostituierte. Mutig rettet sie zwei Fremde, die in ihrer Stadt Jericho als Feinde gelten, und so überlebt ihre Familie den Krieg. Glaube macht den Blick frei von Vorurteilen und  hat als Konsequenz barmherziges gastfreundliches Verhalten, lehrt ihr Beispiel. Es folgt noch eine summarische Aufzählung von Richtern, Propheten und Königen im Volk Israel. Ihre Leiden werden aufgezählt und ihre Standhaftigkeit in ihrer Treue zu Gott wird gerühmt.  Leser(innen) des Matthäusevangeliums wissen noch mehr von Rahab. Sie wird eine Stamm-Mutter von dem, den die Liste als Letzten nennt: Jesus von Nazareth.  Denn die Glaubensväter und Mütter haben die letzte Verheißung noch nicht erlangt. Sie haben auf eine noch ausstehende Erfüllung der Verheißungen Gottes gewartet.

Anfänger und Vollender des Glaubens“ wird Jesus genannt. Wieviel mehr als frühere Glaubenszeugen haben Christen und Christinnen Grund zum Vertrauen in Gott, zum Glaubensmut, da sie doch die Liebe Gottes im Wort und Leben Jesu, des gesandten Erlösers, sehen. Die ganze Wolke der Zeugen, sagt der Prediger, kann uns begleiten. Ihr Mut im Vertrauen auf Gott, ihre Kraft im Leiden, sogar im Tod, kann uns ermutigen, als Gemeinde zusammenzuhalten, auf Gott zu vertrauen und treu zu bleiben. Ja, das Leben kann wie ein Kampf sein. Geduld ist nötig, in der griechischen Weltsprache, der Sprache des Neuen Testaments ὑπομονή, hypomoné, genannt, d.h. ‚darunter bleiben’, in Gefahren, die das Leben bedrohen, ausharren, so wie man unter einer Last weitergeht.

Heute droht in unserm Land nicht mehr Verfolgung, aber gefährlicher ist die Gleichgültigkeit, die Bequemlichkeit, die Vergesslichkeit. Es ist beim Glauben so wie bei einem Brunnen. Aus dem Brunnen muss man immer wieder Wasser schöpfen, sonst setzen sich die Wasseradern mit Sand zu. So braucht auch der Glaube das Wort Gottes, das regelmäßige Hören in der Versammlung der Gemeinde am Sonntag. Verlasst eure Versammlungen nicht!, mahnt der Prediger die hebräisch sprechenden Gemeinden. Wie nötig brauchen auch alle Leute in unserm Land diese Ermahnung!

Und dann gibt es den gefährlichen Sog, den der Hebräerbrief „Schätze Ägyptens“ nennt, die Verlockung zum Leben in Gier auf Reichtum, den brutalen Kapitalismus. Während mindestens eine Milliarde Menschen täglich mit einem Dollar, 1, 55 €, oder weniger auskommen muss gab es 2006 bereits 946 Milliardäre. Der Reichtum dieser wenigen Hundert Menschen übersteigt das gesamte Bruttosozialprodukt der 170 ärmsten Länder der Welt und beträgt fast vier Prozent des Gegenwerts der globalen Jahresproduktion. Das Handelsblatt vom 18.1.2016 meldete: „San Francisco. Fünf Jahre nach dem Ende der Weltwirtschaftskrise ist klar: Die Hyperreichen waren die großen Gewinner des Aufschwungs, auf den der Rest noch immer warten muss. Sie würden alle zusammen in einen einzigen Reisebus passen, und es müsste nicht mal ein großer sein: Die reichsten 62 Menschen der Welt besitzen zusammen genauso viel Vermögen wie die 3,5 Milliarden ärmsten Menschen.“ Auch in Deutschland ist die Ungleichheit krass. Nach Informationen der Passauer Neuen Presse verfügten die oberen zehn Prozent der Haushalte im Jahr 2013 über 51,9 Prozent des Nettovermögens. Im Jahr 1998 waren es noch 45,1 Prozent gewesen. Das unterste Zehntel verfügte über nicht viel mehr als ein Zwanzigstel, und viele Löhne liegen heute unter dem Lebensminimum. Neben Rentnern sind nach wie vor Erwerbslose und Alleinerziehende besonders von Armut bedroht.

Die Gemeinde Christi mahnt Gerechtigkeit an. Sie selbst kann mit dem wenigen Geld, das sie hat, Anwältin und Fürsprecherin der Armen und Elenden sein.

Die Wolke der Zeugen. An ihrem Anfang und in ihrer Vollendung steht der gute Mann Jesus von Nazareth. Der Mensch, der so war, wie Gott ihn haben wollte, und der deshalb zugleich auf die Seite Gottes gehört, Sohn Gottes genannt wird. Der Prediger spricht von der Erlösung des Menschen durch Christus so: Christus musste in allem uns Menschen gleich werden. Es gibt kein Elend, das er nicht auch gekannt hätte. Das Kind Jesus, in bitterer Armut im Stall geboren, ist heimatlos, auf der Flucht mit seiner Familie Asyl suchend. Unsicherheit begleitet den Mann, der ohne feste Unterkunft lehrend und heilend umherzieht. Von der Führung des Volkes und der Mehrheit Jerusalems verstoßen, verlassen ihn auch noch seine Freunde. Verleugnet und verraten wird er, schließlich wird er gefoltert und wie ein Verbrecher hingerichtet. Weil er alle menschlichen Nöte kannte, deshalb – sagt der Prediger – kann er Mittler zwischen Gott und Menschen, der Erlöser, sein, denn zu Ostern hat sich Gott zu ihm bekannt. „Er sitzt zur Rechten des Throns Gottes.“

In einer Schule fiel einer Lehrerin etwas auf. In jeder Klasse hing ein Kreuz. Aber wie?! Achtlos zwischen Plakaten von Pop-Stars, Bildern von Karneval und Zahlentabellen. Als sie im Lehrerzimmer darüber sprach, wurde der Kunstlehrer hellhörig. Diesmal ließ er nicht Osterschmuck herstellen, sondern Kreuze gestalten. Es ging alles nach Plan, bis plötzlich der kleine Paul rief: „Guckt mal, was Filippo macht! Der hat nix kapiert.“ Filippo war noch nicht lange da. Er kam aus Portugal, sein Vater war arbeitslos, betrank sich oft und verprügelte seinen Sohn. In der Schule stand Filippo oft allein auf dem Schulhof. „Nix hat Filippo kapiert!“, rief Paul noch einmal. „Er macht zwei ‚Christusse’ am Kreuz. Es war doch bloß einer!“ Der Kunstlehrer fragte: „Warum hat du das gemacht, Filippo?“ „Nix kapiert!“, rief Paul zum dritten Mal. Filippo schwieg. Dann sagte er: „Genau wie ich.“ Wieder lachten einige. „Ich meine“, versuchte Filippo zu erklären: „ausgeschimpft, rumgeschubst, angespuckt, genau wie ich“. Jetzt war es still in der Klasse. Filippo war verlegen geworden. „Ich habe gehört, er ist für uns alle gestorben, für mich auch?“ „Ganz gewiss“, sagte der Kunstlehrer, „für dich, für mich, für alle Menschen“. Filippo war einige Wochen später verschwunden. „Sie sind weggezogen“, sagte Karin, seine einzige Freundin. Filippos Kreuz wurde aufgehängt.

Christus ist bei uns in unsern Leiden, in unserer Bedrängnis, sagt diese Geschichte von Willi Fährmann (1929-2017). Sie hat die Überschrift „Das doppelte Kreuz“. (Religion spielen und erzählen, 2000, Titel 44)  Eine „Wolke von Zeugen“ haben wir, sagt der Hebräerbrief. Und „lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens!“  Amen                                

 

Die Botschaft von der Macht der Liebe.

Weihnachten, Meditation über  Joh. 3,16

Pfarrer i. R. Dr. Reinhard Gaede

οὕτως γὰρ ἠγάπησεν ὁ θεὸς τὸν κόσμον, ὥστε τὸν υἱὸν τὸν μονογενῆ ἔδωκεν, ἵνα πᾶς ὁ πιστεύων εἰς αὐτὸν μὴ ἀπόληται ἀλλ’ ἔχῃ ζωὴν αἰώνιον.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

1. Weil Gott die Welt liebt, deshalb kann es Weihnachten werden. Die Nachricht der Engel: „Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ ist die Nachricht von der Liebe Gottes. Diese Nachricht erweckt bei den Hirten Staunen, ja zuerst Furcht. Wer sollte gerade ihnen etwas zuliebe tun? Sie sind die wirtschaftlich Abhängigen, von denen man das Letzte verlangt: Fleisch und Wolle der Tiere unter den ungünstigsten Arbeitsbedingungen. Sie sind die Verachteten, das gemiedene „Gesindel“. Jede Sprache kennt Schimpfworte für die unterste Klasse, die Beherrschten, im günstigsten Fall Nicht-Beachteten. Ge­rade die Armen, denen nichts geschenkt, von denen aber alles verlangt wird, erfahren die Liebe Gottes.

Dass zu Weihnachten die Liebe Gottes sichtbar wird, diese Nachricht des Christentums ist unfassbar für die Religionen der Menschheit. Ihren Göttermärchen nach ist der Mensch vom Göttlichen nicht geliebt. Der Prometheus der griechischen Religion muss den Göttern das Feuer stehlen, bevor es warm werden kann. Der Wotan der germanischen Religion ist der Beherrscher über Zitternde, die hinter verriegelten Türen ihn in stürmischen Nächten als wilden Jäger fürchten. Dass  zu Weihnachten die Liebe Gottes sichtbar wird, ist auch unfassbar für nicht-religiöse, für atheistische Menschen. Denn die Gesell­schaft, der allein sie sich verantwortlich wissen, liebt nicht. In ihr erfährt sich der Mensch als Fremder in von ihm selbst gestalteten Verhältnissen. Die Unendlichkeit liebt nicht. Das Weltall schweigt und gibt keine Antwort auf die Rufe der Menschen, die wie im Nichts zu verhallen scheinen. Gottes Liebe wird sichtbar. Die große Freude der Weihnachtsbotschaft will alle Angst, Fremdheit und Einsamkeit überwinden, die religiöse und nicht-religiöse Menschen empfinden. Gott ist, sagt Martin Luther, ein „glühender Backofen voll Liebe“. Gott erscheint als die Macht der Liebe. Das ist die Nachricht an religiöse und nicht-religiöse Menschen.

2. Die Welt ist es, die von Gottes Liebe erreicht wird. Gottes Liebe ist keine Fik­tion. Wir bauen uns Fluchtwelten, Luftschlösser aus Zelluloid und Papier, aus dem Stoff der Träume und Ängste. Gottes Liebe erreicht die Welt, wie sie ist. Wie ist sie? So ist sie: Voller Schrecken und Angst, voll Lieblosigkeit und Hass, voll Terror und Blutvergießen. Voll von Menschen, die arm sind oder gar verhungern müssen auf der einen Hälfte der Erde und voll von Menschen, die reich sind, genug zu essen haben, auf der anderen Hälfte der Erde. Es ist die Welt, in der Menschen wegen ihrer Hautfarbe leiden müssen; die Welt, in der Menschenrechte mit Füßen getreten werden; die Welt, in der Menschen sich mit atomarer Vernichtung drohen, so dass sie sich nicht nur jeweils vor ihrem Gegner, sondern auch vor der Möglichkeit eigenen Versagens fürchten müssen.

Diese Welt wird von Gottes Liebe erreicht wie Finsternis durch einen Lichtstrahl. Weil ohne seine Liebe die Welt schon längst erstickt oder wie ein Stäubchen im All zerstoben wäre, deshalb liebt Gott die Welt in grundloser Liebe und Barmherzigkeit. Deshalb leuchten im Licht seiner Liebe auch Kreaturen und Natur in ihrer ursprünglichen Schönheit. Betrachte einmal im Sonnenlicht eine Hand­ voll Wasser, das zwischen den Fingern zerrinnt, einen Fisch in der Lagune, der golden glänzt, ein Fröschlein, grün wie Jade, einen Kieselstein oder ein trockenes Stück Holz, schwimmend auf dem Wasser. Was keine Börse zu schätzen weiß, macht der Schöp­fer selbst unfassbar wertvoll.  Das Christkind liegt auf Stroh.

3. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab.  Der Stern, der die Geburt des Königs den  Weisen aus dem Morgenland zeigt, steht nicht über der Welthauptstadt, nicht über Kaserne oder Palast, sondern über dem Stall. Das Christ­kind ist so arm, dass es noch nicht einmal ein Bettchen hat. Hartes Holz der Krippe ist der Stoff, aus dem die Wirklichkeit für es gemacht ist. „Den aller Erdkreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß.“ (Luther, EG 23,3). Windeln und Krippe, Armut und Hilflosigkeit sind Zeichen des Kommens Gottes. Wie der Beginn des Weges, so das Ende: Das Kreuz. Krippe und Kreuz sind die Symbole des Weges Jesu. Krippe und Kreuz sollen die Zeichen der Liebe Gottes werden. Krippe und Kreuz sagen: Armut und Heimatlosigkeit, Hilflosigkeit, Enttäuschung, Schmerzen, Qual und Tod  –  diesen Weg wählte er, um dich zu treffen, um dir zu begegnen. In den Tiefen des Lebens bist du nicht allein.  Sondern er hat an deiner Lage teilgenommen. Krippe und Kreuz sagen: Was dich zermürbt oder zur Verzweiflung bringt, braucht dich nicht von Gott zu trennen. In Kreuz und Krippe zeigte sich und bewährte sich die Einheit von Gott und Mensch. In Kreuz und Krippe blieb der Sohn mit dem Vater verbunden. Er kam, um uns sündige Menschen mit dem guten Gott zu verbinden: „Gott wird Mensch, dir Mensch zugute, Gottes Kind, das verbind’t, sich mit unserm Blute“ (Paul Gerhardt,  EG 36,2).

4. Als Antwort auf diesen Weg Gottes bleibt nur der Glaube. Nicht Spekulation und Theorie, sondern der Glaube. Liebe will Glauben finden. Sie bietet sich an. Sie kann angenommen oder abgewiesen werden. Das Kind in der Krippe kann noch nichts sagen und ist doch Gottes ganzes Wort. Es ist uns in die Hände gegeben. Werden wir es wegstoßen? Oder werden wir niederknien und mit ihm sprechen wie der Kirchenvater Hieronymus (347-420)?

Und wenn wir das wagen, werden wir es kennen lernen im Gespräch der Meditation und des Gebets. Sein Name ist „Wunderbar“. Wir fragen, was bedeutet das? Und das Kind antwortet: „Ganz anders als ihr es euch vorgestellt habt, komme ich: arm und klein.“ Wir fragen: „Was sollen wir mit diesem armen göttlichen Kind anfangen?“ Und es antwortet: „Das soll nun das Wunder sein: Ich will mit euch etwas anfangen.“ Wir sagen: „Aber, liebes Kind, weißt du, wer wir sind? Unschuldiges Kind, was willst du  von uns schuldigen Menschen?“ Das Kind aber lächelt und sagt: „Ich bringe einen Rat mit.“ (Jes. 9, 5) Da fällt uns unsere ganze eigene Ratlosigkeit ein, und wir fragen das Kind, welchen Rat es denn bringe. Und es antwortet. Es lädt uns ein, bei ihm zu bleiben. Es lädt uns ein, es als unsern Bruder gelten zu lassen. Es bietet uns das ewige Leben an.

Ewiges Leben heißt: Leben und Ge­schichte nicht mehr aus der Perspektive von Siegern und Unterdrückten zu sehen, sondern im Lichte der Macht der Liebe. Neu entdecken, was hilft und trägt im eigenen Leben und im Leben der andern. Ewiges Leben ist Neues Sein. Dieses Leben in Verbundenheit mit der Macht der Liebe kann nicht verloren gehen. Dieses Leben kann ins Leiden führen, aber der Tod wird es nicht zerstören können. Alle, alle sind eingeladen. Die Wahrheit des Gottessohns ist Wirklichkeit. Deshalb kann man – wie der Evange­list Johannes sagt – die Wahrheit tun. Deshalb ist Bekennen, Beten und Leben zu­gleich „Tun der Wahrheit“. Deshalb heißt der König der Weihnacht auch „Friedefürst“. Er gebietet über Menschen, die Frieden stiften und Barmherzigkeit üben. Wir haben dazu  jeden Tag Gelegenheit, in der Ferne und in der Nähe.

„So lasst uns gehn in den vier Winden

Bethlehem und das Kind zu finden.

Vielleicht, wo einer hungert und weint,

vielleicht ein Freund, vielleicht ein Feind.

Da ist die Krippe, da ist der Stall  –

Bethlehem ist überall.

 

Wo einer trägt des andern Last –

Wo du  den Fremden zu Gaste hast  –

wo du den Kranken nicht lässt allein —

Wo du  zum Einsamen sagst: Komm herein –

Da ist die Krippe, da ist der Stall  –

Bethlehem ist überall.

 

Und wo es dunkel und einsam ist  –

wo du des andern Bruder bist  –

und wo die Herzen zu Stein nicht werden –

und wo der Friede einkehrt auf Erden –

Da ist die Krippe, da ist der Stall  –

Bethlehem ist überall.“

(Rudolf Otto Wiemer)

Weil Gott die Welt liebt und uns senden will als Boten und Botinnen dieser Liebe, deshalb soll es Weihnachten werden.

Amen

Predigttext zum Advent

Pfarrer i. R. Dr. Reinhard Gaede

Benedictus. Adventslied der Hoffnung über einem kleinen Kind

Zu Luk. 1, 67-79

Lange Jahre hatten sie auf ein Kind gewartet. Aber vergeblich. Dann waren sie zu Ärzten gefahren, sogar in eine Klinik. Wer ihnen heute begegnet, sieht ihnen ihr Glück schon an. Voll Stolz und Freude schieben sie einen Kinderwagen. Und wer mit ihnen ins Gespräch käme, würde den glückstrahlenden Vater sagen hören: Ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben. Nun werden wir mit unserm Kind das erste Weihnachtsfest feiern. Überall sieht er jetzt Gründe, sich zu freuen. Ja, er betrachtet die Welt mit neuen Augen. Vieles sieht in der Welt schlimm aus. Aber das Erlebnis seines Glücks in der Familie gibt ihm einen Standort, das Neue, das Überraschende, die Zeichen, die hoffen lassen zu sehen. Schon wenn er sich eine Blume anschaut:

Zur selben Zeit / Da irgendeiner „Rache!“ schreit,

da an der Börse / der Euro fällt,

da die Welt / ganz wilde Parolen

erfand, / da irgendwo

wird geschossen //

hat sich / auf unserm Gartenland

die Christrose / zum Blühen

entschlossen.

In der Bibel, im Evangelium des Lukas gibt es die Geschichte eines Mannes, der Vater geworden ist: Luk 1, 67-79

Im Hause des Zacharias und seiner Frau Elisabeth ist Hoffnung eingezogen. Ein Kind ist da. Und Zacharias singt jetzt. Zacharias, dem neun Monate lang kein Laut über die Lippen kam, während das kleine Leben wuchs, an das er gar nicht glauben konnte. Es ist, als ob während seines langen Schweigens seine Resignation und seine Zweifel Stück für Stück verschwunden wären und sich alle Kraft und Fülle seines Glaubens gesammelt hätten. Als sei er in den stummen Monaten den langen Weg der Geschichte Gottes mit seinem Volk nachgegangen, über Tiefen hindurch, über alle Höhen hinweg. Und nun löst sich seine Zunge. Er findet Worte, wie sie zusammen gehören: Dieses kleine Kind – und der große Gott; die Hoffnungen und der Glaube seiner Väter – und sein eigener Glaube und die entdeckte Hoffnung, dass sein Leben nicht spurlos verlöschen würde.

So singt er ein Adventslied. Die Kirche hat es aufbewahrt unter der Überschrift „Benedictus“. Denn „Gelobt“ ist das Anfangswort in lateinischer Sprache, „gelobt sei der Herr, der Gott Israels!“ In der ersten Strophe wiederholt Zacharias ein altes Danklied. Es dankt Gott für Befreiung, die Errettung vor Feinden und die Sendung des Messias, des Gesalbten Gottes aus dem Königshaus Davids, und Lukas fügt hinzu: Weissagungen der Propheten erfüllen sich. Die zweite Strophe ist ein Glückwunsch bei der Geburt eines vornehmen Kindes. Und jetzt bezieht er sich auf die Geburt des Kindes Johannes. Und Zacharias sagt voraus, dass sein Kind ein Prophet wird, ein Bote Gottes, der dem verheißenen Messias den Weg bereiten wird.

Der Gesang des Zacharias hat Zweifel und Resignation überwunden, weil er sieht, was Gott zu Weihnachten tun wird. Wir suchen Gott und bleiben bei unsern Spekulationen oder verharren in Resignation. Aber er besucht uns. Er verschafft seinem Volk Befreiung. Er richtet „ein Horn des Heils auf“, singt Zacharias. Die alte Sprache der Hoffnung sieht im „Horn des Widders“ das Symbol für Macht und beschreibt, was zu erwarten ist: der Besuch Gottes, Befreiung, Rettung. So wird die Geburt eines Kindes der Anlass, vom Kommenden zu erzählen: Gott kommt und besucht sein Volk. Der Ewige, den keines Menschen Auge sehen kann, wird Gestalt annehmen und das irdische Leben der Menschen teilen. Er wird seine Versprechen wahr machen, die er den Vätern des Glaubens gegeben hat: Abraham, der aus der Ferne gerufen und Gottes Freund wurde. David, der ein König nach dem Herzen Gottes war, aus dessen Haus der Erlöser kommen soll.

Die Geburt eines Kindes wird der Anlass, vom Kommenden zu erzählen. Der Name des Kindes soll Johannes sein, d.h. Gott ist gnädig. Im Dienst für den gnädigen Gott wird seine Bestimmung liegen. Dem Herrn vorangehen, seinen Weg bereiten, das Volk Gottes zur Erkenntnis des Heils bringen, so wird sein Amt als Prophet beschrieben. Im Schauen auf das zukünftige Handeln des gnädigen Gottes, auf die Aufgaben, die Gott stellt, blickt der Vater Zacharias voll Hoffnung auf das Leben des kleinen Kindes, das gerade begonnen hat. Weil die Zukunft von Gott kommt, sorgt Zacharias sich nicht um die Zukunft seines Kindes.

Licht geht auf wie von der aufgehenden Sonne. Es erhellt die Welt und zeichnet den Weg des Volkes Gottes aus. Und so geht Gottes Volk in diesem Licht:

  • – In einer Welt – zerrissen von Hass und Gewalt – Leben ohne Furcht vor Feinden.
  • – In einer Welt – erfüllt von Gier nach Macht, Besitz und Genuss – Leben in Heiligkeit und Gerechtigkeit.
  • – In einer Welt – gestört durch Schuld und Rachgier – Leben aus Gottes Vergebung. Vergebung schenken den Schuldigen, die in Bitterkeit isoliert sind.
  • –  Auf der Welt „in Finsternis und Schatten des Todes“ sich die Füße richten lassen „auf den Weg des Friedens“.

So singt Zacharias vor der Wiege seines Kindes im Advent.

Ob uns dieses Advents-Bild des Evangeliums erreicht? Achtet auf Gottes Adventsbilder, die keiner beachtet, von denen man nichts in den Zeitungen sieht!

In Pakistan, Afghanistan und Im Irak hört man immer wieder von Selbstmordanschlägen mit vielen Opfern. Aber ganz in der Nähe bei uns hat eine junge Mutter ihr Kind zur Welt gebracht. Und heute bringt eine Familie ihr Kind zur Taufe und  soll den Segen bekommen, dass Gott es im Leben begleitet.

Schon schreien sie wieder und schreiben Plakate: „Leistung soll sich lohnen“ und „Geiz ist geil“ und „Nimm, was du kriegen kannst!“ und 25% Gewinn bei einer Aktie. Aber in den Gemeinden werden wieder Diakoniesammlungen durchgeführt zugunsten von Menschen in Not, und Menschen haben Geld geopfert, damit Alte, Schwache und Kranke Hilfe bekommen.

Schon sind wieder einige Menschen aus der Kirche ausgetreten. Aber in unsern Gemeinden hier kommen die Jahrgänge von Jugendlichen noch fast vollständig zum Konfirmanden-Unterricht.

Schon sind sie wieder da, die nichts gelernt haben und irre geleitet werden, malen Hakenkreuze und schreiben: „Ausländer raus!“ Aber auch in diesem Jahr waren Freiwillige Helfer/innen der Aktion Sühnezeichen unterwegs in Ländern, die unter den Nazi-Herrschaft, Massenvernichtung  und Krieg gelitten hatten. Seit den 1960er Jahren gehören deutsche Freiwillige zum Erscheinungsbild vieler landwirtschaftlicher Betriebe, Sozialprojekte und Gedenkstätten in Israel. Bis heute haben sie einen sehr guten Ruf, der in dem Satz einer Kibbuz-Zeitung „Hast du wirkliche Arbeit zu vergeben, nimm einen deutschen Volontär“ prägnant beschrieben ist. Heute zählen wir in Israel jährlich etwa 900 deutsche Freiwillige. Und seit mehr als fünfzehn Jahren arbeiten bereits israelische Freiwillige mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Deutschland.

Und wieder waren in diesem Jahr Jugendliche bereit für ein diakonisches Jahr, helfen Alten Kranken und Menschen mit Behinderung.

Und schon achtzehnzehn Mal sind Jugendliche aus dem Kreis Herford nach Weißrussland gefahren. Zahlen dreihundert Euro, opfern drei Wochen Freizeit und reparieren und renovieren Häuser von alten Leuten, die ganz allein und ohne Hilfe sind, von Leuten, die in ihrem Leben schon viel gelitten hatten in ihren Wohnungen an der Frontlinie im zweiten Weltkrieg oder bei Zwangsarbeit in Deutschland während der Nazizeit. Und der Verein „Heim statt Tschernobyl“ baut mit Freiwilligen Häuser aus Lehm, gedämmt mit gehäckseltem Holz und Platten aus Schilfrohr, um Familien aus Tschernobyl, einem Gebiet von der Größe Bayerns, der Gegend der großen atomaren Katastrophe, wo alles Leben verstrahlt und verseucht ist, ein Leben unter gesunden Bedingungen zu ermöglichen.

Und wieder war in diesem Jahr eine Delegation aus Iwanowo/Russland hier, begegneten Lehrern und Schülern, feierten gemeinsam mit deutschen Gastgebern Gottesdienste. Die Gruppe aus Deutschland und Russland besuchte gemeinsam den Friedhof und die Dokumentationsstätte in Schloss Holte-Stukenbrock, wo 65 000 gequälte sowjetrussische Kriegsgefangene ihr Grab bekommen haben. Und sie versprachen sich, immer für Frieden und Versöhnung einzutreten.

Adventsbilder heute. Aktionen von Menschen auf dem Weg des Friedens und der Barmherzigkeit.

Schauen wir noch einmal auf das Adventsbild des Lukas. Ein Kind soll Prophet werden, dem kommenden Erlöser den Weg bereiten, seinem Volk die Augen und die Ohren öffnen für Gottes Vergebung, für seine Barmherzigkeit, für seinen Trost, für die Botschaft vom ewigen Leben, das der Tod nicht zerstören kann. Gott kommt leise, unerwartet, gibt Zeichen, im Advent die Geburt eines kleinen Kindes, das einmal die Hoffnungen seines Volkes tragen wird.

Seit der Geburt des Kindes Johannes, seit der Geburt des Kindes Jesus ist jedes Kind ein Hoffnungszeichen: Dass Gott bei uns ist, die Welt, seine Schöpfung, nicht verlässt, sie erneuert, ihr Zukunft gibt. Der bis an die Zähne bewaffneten Welt wird ein kleines hilfloses Wesen präsentiert, entwaffnend. Längst vergessene Sehnsüchte entbindend. Was gut war in unserer Kindheit, kommt wieder ans Licht. Ein Kind ist ein Wesen zum Liebhaben.

Wenn der Erlöser kommt, kommt er als Kind.

So sagt die jüdische Dichterin Nelly Sachs:

Einer

wird den Ball

aus der Hand der furchtbar

Spielenden nehmen.

Sterne

haben ihr eigenes Feuergesetz,

und ihre Fruchtbarkeit

ist das Licht,

und Schnitter und Ernteleute

sind nicht von hier

Weit draußen

Sind ihre Speicher gelagert,

auch Stroh

hat einen Augenblick Leuchtkraft,

bemalt Einsamkeit.

Einer wird kommen

Und ihnen das Grün der Frühlingsknospe

an den Gebetsmantel nähen,

und als Zeichen gesetzt

an die Stirn des Jahrhunderts

die Seidenlocke des Kindes.

Hier ist Amen zu sagen,

diese Krönung der Worte, die

ins Verborgene zieht

und

Frieden,

du großes Augenlied,

das alle Unruhe verschließt

mit deinem himmlischen Wimpernkranz.

Du leiseste aller Geburten.

Predigt am 3.12.2009, Kirche zu Herringhausen, Herford

Predigttext zu Pfingsten

Pfarrer i. R. Dr. Reinhard Gaede

 

Der Geist Gottes ruft ins Leben  und schafft Gemeinschaft.

Pfingsten, Predigt über Apg. 2, 1-18

Als nun Pfingsten heran rückte, / lang ersehnt, schon längst verplant, / freies verlängertes Wochenende / oder gar kurze Ferien / da waren sie alle beieinander, / im Stau auf den Autobahnen, / in Hotels und Restaurants, bei Schnitzel und Forelle blau, / auf ihren Segelbooten und auf Campingplätzen.

Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, / da waren erstaunlich viele beieinander / im Gottesdienst. / Und die Leute hofften; / hier in der Kirche einmal etwas anderes zu hören / als sonst im Alltag. / Nicht nur Klagen über die böse Zeit, / keine Verurteilungen von Andersdenkenden, / keine Hetze, keine Angstmacherei / keine großen Theorien und pathetische Erklärungen, / sondern etwas Hilfreiches und Ansprechendes, / das Menschen erleichtert und frei macht./ Da geschah es plötzlich, das ein Wort sie erreichte, ihre Aufmerksamkeit einfing,/ dass sie zuhören konnten, / dass ein ganz Anderer zu ihnen redete / wie von weit her und doch aus der Nähe. / Und sie spürten eine große Macht, / lebendig, kräftig und scharf, / das Wort Gottes, die gute Nachricht / von der Liebe Gottes in den Worten und Taten Christi. / Da wurden sie alle voller Freude / und sahen ihr Leben in neuem Licht.

Eben das erzählt die Pfingst-Geschichte:

Das Pfingstwunder

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Die Pfingstpredigt des Petrus

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

 

Pfingsten, Sturm und Feuer. Zeichen der Gegenwart Gottes, die die Ängstlichen mutig macht, die Traurigen fröhlich. Der Heilige Geist lehrt Sprechen und Verstehen. Menschen verschiedener Herkunft, unterschiedlicher sozialer Schichten, verschiedener Hautfarbe erfahren, dass sie nicht Fremde oder gar Feinde sind, sondern Freunde und Freundinnen, Nachfolger(innen) Jesu, Kinder ihres Vaters im Himmel. Der Heilige Geist schuf die Kirche. Pfingsten ist ihr Geburtstag.

Und wo stehst du? Hinten auf dem Platz bei den Gelangweilten? Oder drüben bei den Neugierigen? Oder ganz vorn bei den Spöttern? Die sagen: Die sind ja betrunken! Oder stehst du vorne am Rand, etwas verlegen, etwas unsicher und sagst: Hier stimmt etwas nicht? Und trotzdem, ich kann die Pfingst-Begeisterten gut verstehen. Dabei liegen doch Welten zwischen uns. Oder stehst du in der Gruppe der Jünger und verhältst dich wie sie: Vor Begeisterung einfach reden, erklären, was dich bewegt, auf Fremde zugehen, eine Atmosphäre für Gespräche, Verstehen  und Gemeinschaft schaffen. Oder könntest du dich zu gar keiner Stellungnahme durchringen? Weil immer schon andere für dich sprachen. Und weil du meinst, du hättest als Christ(in) keinen besonderen Auftrag?

Zu Pfingsten wird uns unsere Armut bewusst: Unsere Armut an Begeisterung, unsere Armut an Lebendigkeit und Phantasie, unsere Armut, etwas Neues zuzulassen oder zu erfinden, was die Botschaft Jesu weiter tragen könnte. Unsere Armut, das heilende Wort zu sagen, weil wir die Leiden nicht bemerken:

„Und um zwei Uhr ist die Schicht zu Ende / Dann um halb drei wieder in den Bus. / Müde Augen, aufgerissne Hände / und drei Stunden nochmals durchs Gelände, / Kartenspiel und Fußballstuss.

Dann ein bisschen noch im Garten kramen. / Und den Kindern schnell Gut’ Nacht gesagt. / Lebenslänglich Ja und Amen. / Ohne Glanz und ohne Namen. /  Keiner der nach seinen Träumen fragt.“

„Monotones Lied“ heißt dieses Gedicht von Hans Dieter Hüsch: H. D. Hüsch. (geb. 6. Mai 1925 in Moers, gest. 6. Dezember 2005 in Windeck-Werfen, war ein deutscher Schriftsteller, Kinderbuchautor, Kabarettist, Schauspieler, Liedermacher und Rundfunkmoderator. Mit über 53 Jahren auf deutschsprachigen Kabarettbühnen und 70 eigenen Programmen galt er als der produktivste, erfolgreichste Vertreter des literarischen Kabaretts im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Er war Schirmherr des Kabarettpreises Das Schwarze Schaf).  Sein monotones Lied endet dann so:

Doch die so an uns vorüber eilen / aufgebracht, zermürbt und kaum zu heilen / Guckt doch diesen Menschen richtig ins Gesicht / Mehr will dieses Liedchen nicht.“

Traurigkeit über die monotonen Lieder in unserm Land ist angebracht. Die Meldung vom Nikolaustag, 6. Dezember 2006  lautete damals schon: Jeder Achte von Armut bedroht.“ 10, 6 Millionen Deutsche, darunter 1, 7 Millionen Kinder sind von Armut bedroht – immerhin dreizehn Prozent der Gesamtbevölkerung. (Neuer Stand: Laut Bericht der Bundesregierung 2013  verfügen die reichsten zehn Prozent der Haushalte über 53 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die gesamte untere Hälfte der Haushalte besitzt dagegen nur gut ein Prozent – im Jahr 2003 waren es noch rund drei Prozent gewesen. Nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2017 verfügen die  Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über rund 1 Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten 10 Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinen.) So sind die Güter gar nicht gerecht verteilt. Und wer aus Gründen der Armut von Bildung ausgeschlossen ist, hat auch weniger Möglichkeiten, seine Zeit sinnvoll zu gestalten. Vielen Menschen fällt nur ein, in der Freizeit noch einmal etwas Ähnliches zu tun, was man im Beruf sowieso schon den ganzen Tag tut. Verhältnisse, in denen die Freude erstarrt und Stumpfheit, in der die üblichen Massenangebote der Konsum-Industrie in Kauf genommen werden.

Demgegenüber die Botschaft von Leben und  Begeisterung zu Pfingsten.

Unser Leben sei ein Fest, / Jesu Geist in unsrer Mitte, / Jesu Werk in unsern Händen, / Jesu Geist in unsern Werken. / Unser Leben sei ein Fest, So wie heute an jedem Tag.“

(EG 571, Text: Josef Metternich 1972, Melodie: Peter Janssens 1972) Bei welchem Fest sind wir zuletzt so begeistert gewesen? Und kann die Botschaft, die wir in uns aufnehmen und verbreiten heilen? Auch die „mit müden Augen und aufgerissenen Händen“?

Wir wollen uns die Szene von der Geburtsstunde der Kirche an Pfingsten einmal genauer ansehen und fragen, was die Apostelgeschichte berichtet.

In Jerusalem ist großes Treiben, ein großes Fest. Am Wochenfest, dem fünfzigsten Tag nach Ostern, griechisch ἡμέρα τῆς πεντηκοστῆς, Hämera  täs pentäkostäs, daher der Name Pfingsten, feiern die Juden das Erntedankfest. Mitten im Frühling feiern sie die ersten Früchte, hoffnungsfroh. Nicht wie wir, die wir auf Sicherheit aus sind, alles erst in den Scheunen haben wollen und dann feiern. Für die ersten Früchte dankt man schon und hofft, dass es so weitergeht mit der Ernte.

Und außerdem ist es der Tag des Gesetzes. Das Volk Gottes hat die Zehn Gebote und steht mit Gott im Bund. Und dann das Erlebnis der Jünger. Sie erfahren, dass sie nicht allein sind. So viele Anlässe zu feiern! Pfingsten ist das Fest der Feste. Mehr als nur ein Frühlingsfest ist es das Fest des Lebens, das der Heilige Geist schafft, der Geist Gottes, der Menschen begeistert.

Denn immer so begeistert waren die Jünger keineswegs. Sie hatten bedrückende Tage hinter sich: Karfreitag, die Verzweiflung über den Verlust Jesu, den Verlust all ihrer Hoffnungen. Pfingsten liegt sieben Wochen nach Karfreitag. Jeder, der einmal wirklich getrauert hat, weiß, wie die Tage vergehen: Einsamkeit, Erinnerungen, Schmerz über Trennung, Leere. Und dann die Erfahrung: Das Leben ist stärker. Der Heilige Geist bricht durch, der Geist des Lebens. Nicht in der Verzweiflung bleiben, sondern heraus treten aus der Trauer zu neuem Lebensmut, zu Begeisterung. Gerade alle Trauernden brauchen den Geist Gottes besonders.

Ein Sturm ist es gewesen. Von unsichtbarer Hand gerät alles in Bewegung. Barrieren und Grenzen werden durchbrochen, Menschen aller Völker werden erfasst: Von Ost nach West: Iran, Kleinasien, Vorderer Orient, die nordafrikanische Küste, die Mittelmeer-Region bis nach Rom, damals Welthauptstadt. Menschen aus der ganzen Welt also spüren den Geist Gottes. Diaspora-Juden und ‚Proselyten’ (D. h. Hinzugekommene zum Judentum aus anderen Völkern) waren die Ersten, die die christliche Botschaft hörten. Die christliche Kirche entstand als Bewegung im Judentum, und doch ist die ganze Welt präsent. Der Geist Jesu Christi bewirkt das Wunder des Glaubens und überwindet Grenzen. Frauen und Männer, Junge und Alte, Knechte und Mägde, alle erfasst Gottes Geist. Der Geist Gottes überspringt soziale Gegensätze und stiftet Gemeinschaft zwischen Generationen und Geschlechtern. Das Leben beginnt, ein Leben, das den Tod, Einsamkeit und Enttäuschung  hinter sich hat. Pfingsten ist der Ruf zum Fest, Ruf in die Gemeinschaft der Gläubigen.

Alles ökumenische Denken  in unsern Gemeinden ist ein Werk des Heiligen Geistes. Er vereint die getrennten Christ(inn)en in aller Welt, durchbricht immer wieder die Klassenschranken von Arm und Reich.

Werner Simpfendörfer, ein Pfarrer (1927-1997), erzählte: In der Hauptkirche der Gemeinde von Sao Paulo traf er einen Polizisten. Der schnitt einem alten Indigena, einem Ureinwohner des Landes, die Haare. Und die Beiden wurden auch nicht wegen Störung der Ordnung weg gejagt. „Der Bruder“, so nannte ihn der Polizist, „ist krank. Er kann den Friseur nicht bezahlen. Deshalb helfe ich.“

Die Kirche ist also nicht nur ein Gebäude, ein Versammlungsraum, nicht nur eine Institution, in der man Ordnungen für das Leben verfasst und einhält, sondern nach dem Willen des Herrn der Kirche eine Sendung. Mission – das lateinische Wort missio bedeutet Sendung – ist die Wesensäußerung der Kirche. Diakonie – das griechische Wort διακονία bedeutet Dienst – ist die Wesensäußerung der Kirche. Sie ist gesandt in die Welt, um Gottes Liebe zu verkünden, zum Dienst an denen, die Christus die Geringsten seiner Brüder und Schwestern nennt, den Armen und Elenden. Und die Kirche soll eine brüderliche und schwesterliche Gemeinschaft sein.

  1. Verkündigung der Liebe Gottes, 2. helfender und heilender Dienst und 3. geschwisterliche Gemeinschaft sind die Kennzeichen der Kirche.

Welche Pfingstbilder machen uns heute Mut? Jeder Gottesdienst ermutigt. Zum Bekenntnis. Christ(inn)en bekennen ihren Glauben gegen alle Trägheit. Alles Singen und Musizieren ermutigt, unser Leben als Geschenk Gottes zu verstehen. Dass das Leben ein Fest ist, sollte doch in die Arbeitswelt hineingesagt werden, zur Ermutigung aller, die neue Ordnungen planen und verwirklichen, in denen mehr Freude an der Arbeit und mehr schöpferische Entfaltung möglich ist.

Pfingsten heißt: Alle Gemeindeglieder haben Anteil am Geist Gottes, an diesem ungeheuer wirksamen Schatz, der für jede und jeden eine besondere Gabe bereithält. Männer, Frauen Jungen, Mädchen, alle haben ihre Begabungen, die sie einbringen können, die zusammen kommen im Dienst der Gemeinde.

Alle haben auch ihre Geist-Erfahrungen: Vielleicht durch eine Melodie, die tröstet oder beschwingt, vielleicht durch einen Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, der an Gottes schöne Schöpfung erinnert und zur Dankbarkeit führt, vielleicht durch eine andere Erfahrung von Freude, die mit Menschen verbindet. „Jeden Tag eine gute Tat!“ sagen die Pfadfinder. Der Geist gibt dazu gute Ideen. Gottes Geist befreit zu Lebensfreude und zu Taten, die das Leben fördern.

So können wir uns nicht nur heute Glückwünsche sagen: Gottes Geist befreit zum Leben. Das ist uns versprochen. Und der Heilige Geist zeigt uns unsere Aufgaben, die nur wir allein erfüllen können. Herbeizwingen lässt er sich nicht. Aber wir können ihn bitten: Komm, Schöpfer Geist, du Kraft des Lebens! Lass uns wachsen im Glauben und in der Liebe!

Predigt am 28.5.2007, Friedenskirche Elverdissen, Herford

 

 Osterpredigten

 

Ostern. „ungeheu-rer ist der vorsprung leben.“

Meditation über Matth. 28, 1-10

Jesu Auferstehung

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.                                                                                                                    

 Wer den Ursprung der Oster-Nachricht sucht, stößt auf den Namen zweier Frauen. Reden wir von ihnen, um das Unmögliche möglich zu machen: Die Erfahrung der Freude und des Lebens in der Oster-Nachricht in Worte zu fassen.

Dabei müssen wir Spuren verfolgen. Als Erste entdecken wir Maria aus Magdala, die Hauptperson in der Geschichte. Ihr Heimatort Magdala, dessen Name sich vom hebräischen Wort Migdal, d. h. Turm, ableitet, ist ein Dorf am Westufer des Sees Genezareth. Das Evangelium des Lukas schreibt über sie: „Mit ihm unterwegs waren die Zwölf und einige Frauen, die von üblen Geistern und Krankheiten geheilt worden waren: Maria, genannt die aus Magdala…und viele andere Frauen, die ihnen nach ihrem vermögen dienten.“ (8, 2, Bibel in gerechter Sprache) Sie ist befreit worden aus innerer Zerrissenheit und einer Besessenheit, die ihre Persönlichkeit zerstört und Mitmenschen geschadet hatte. Sie, ursprünglich ein Schrecken für andere, eine Frau, die damals weniger geachtet war als Männer und weniger Rechte hatte, wird eine Hauptperson in Gottes Geschichte, zusammen mit einigen anderen Frauen; die Namen wechseln. Genannt wird  außerdem Maria, die Mutter des Jakobus, des Jüngeren, Frau des Kleophas (Lk 4, 10, Mk 16, 1). Das Evangelium des Lukas nennt noch den Namen Johanna und „übrige Frauen“ (Luk 24, 10), Markus fügt den Namen Salome hinzu. Alle Zeugen, auch Johannes sind also darin einig, den Namen der Maria von Magdala zu nennen.

Die Solidarität der Frauen mit Jesus von Nazareth ist eine Früh-Erfahrung der später entstandenen christlichen Gemeinde. Frauen unterstützen Jesus und seine Jünger mit Geld und Gut nach Kräften. Sie folgen Jesus bis zu seinem unbegreiflichen, traurigen Ende. Sie sehen ihn am Kreuz sterben, gehören also zu seiner letzten Begleitung. Denn die Gefährten, außer Johannes, sitzen in ihren Häusern und fürchten sich. Die Frauen fürchten sich auch, aber sie bleiben. Alle Freunde Jesu waren nach Gründonnerstag und Karfreitag Trauernde, Resignierte, in ihrer Hoffnung Enttäuschte, Verzweifelte, Niedergeschlagene. Angefeindet wurden sie. Ihr Freund und Herr war wie ein Verbrecher zu Tode gebracht worden. Anders als die Gefährten haben diese Frauen Mut zum Trauern. Sie gehen zum Grab. Am Grab kann man weinen. In Tränen löst sich die Verhärtung. Die tiefsten Erfahrungen und Begegnungen sollen doch nicht verdrängt und vergessen werden. Das gehört zum Mensch-Sein.

Aber dann folgt auf die Nacht des Karsamstags das Licht des Ostermorgens. Ostern kommt in der Sphäre des Geheimnisses. Die Elemente der Welt begleiten nach dem Zeugnis der Evangelien das Schicksal des Erlösers. Bei seiner Geburt strahlt und wandert ein Stern, bei seinem Tod verhüllt sich die Sonne. Zu Ostern kündigt sich die Wende von Welt, Zeit und Leben an: Ein Erdbeben und eine Gestalt wie ein Blitz. Das Geheimnis von Ostern ist unmittelbarer Erfahrung nicht zugänglich, aber die Wirkungen sind für die ersten Zeuginnen und Zeugen spürbar, und die Oster-Erfahrungen werden weiter gegeben bis heute. Erfahrbar ist das Oster-Geschehen nicht, weil es eine Tat Gottes ist, außerhalb unserer Kategorien von Raum und Zeit. Und doch wirkt es in Raum und Zeit hinein. In der Ostergeschichte begegnen sich göttliche Tat und menschliches Suchen. Aber damit Menschen begreifen, was geschehen ist, dazu bedarf es der Erklärung durch Gott selbst. Ostern beginnt mit göttlichen Zeichen. Auf das alles erschütternde Erdbeben folgt der blitzartige Eindruck. So kommt der Engel. Unser Wort ‚Engel’ ist der griechischen Sprache des Neuen Testaments entlehnt. Das griechische Wort „ἄγγελος, angelos“ bedeutet „Bote“. Der Bote Gottes hat in der Kraft Gottes den schweren Rollstein, der die Grabkammer verschlossen hat, weg gerollt. Jetzt fällt Licht ins Dunkel. Der Schatten des Todes ist fort, Oster-Licht fällt ein.

Kurt Marti: Das leere Grab

ein grab greift / tiefer/ als die gräber/ gruben // denn ungeheuer/ ist der vorsprung tod/ am tiefsten/ greift/ das grab, das selbst/ den tod begrub// denn ungeheu–rer/ ist der vorsprung leben.

Ostern wird das Symbol für das ewige Leben, das den Vorsprung gewinnt über den Tod. Der große Stein, der das Grab verschloss, ist weggewälzt. Das Grab konnte den Sohn Gottes nicht halten.

Das dritte Ereignis nach dem Matthäus-Evangelium ist das Umsinken der Wachen. Sie liegen wie tot. Ihre Macht ist entscheidend geschwächt, denn Waffen sind wirkungslos, nutzlos, hinderlich, ja gefährlich für sie selbst. Die Gemeinde, klein, schutzlos, verachtet, von Verfolgung bedroht, erfährt zu Ostern, wie grausame Gewalt entzaubert wird.

Das große Osterfenster in der Kirche zu Laar von Friedrich Paul Scholz

hat das dargestellt. Ein Wächter hält seine Waffe fest. Aber im Schrecken presst er den Griff des Schwerts in seinen Schoß. Die Schneide liegt an seinem Bein. Seine Waffe ist ihm jetzt selbst gefährlich. Zusammengesunken sieht er nichts, die Hand im Schrecken über die Augen gepresst. Ihn blendet das Oster-Licht. Auch der zweite Wächter sinkt zurück, den Mund im Schrecken aufgerissen, die Arme in abwehrender Gebärde.

Der Auferstandene siegt über Tod und Gewalt. Das klingt wie ein Oster-Lachen, wie ein Spott über die Machtlosigkeit der Mächtigen. – So stellte sich die Weltmacht ihren Sieg vor: Ihr Fuß tritt auf den Nacken der Unterworfenen. – Die Osternachricht kehrt alles um: Die Gewaltigen sind wie tot. Auf dem weg gewälzten Stein sitzt der Engel des Osterfestes. Das ist die Wende zu Ostern: Der Gekreuzigte überlebt seine Mörder. Die Offenbarung der Liebe Gottes in der Schwäche des gekreuzigten Jesus wird zur alles bestimmenden Macht. Als der Gekreuzigte seine Mörder überlebte, wurden die Repräsentanten militärischer Gewalt in ihre Grenzen verwiesen. Da wurde das Zeichen gesetzt, dass die größte Macht, sei sie auch die grausamste und blutdürstigste, vorläufig begrenzt bleibt. Sie kann Schlachten gewinnen, aber keinen Sieg. Als der Gekreuzigte seine Mörder überlebte, begann die Macht der Liebe ihren Siegeszug über die dem Tod dienenden Mächte des Bösen.

In unsern Tagen haben wir immer wieder die Schrecken des Krieges und des Terrorismus ansehen müssen. Aber wir erleben auch immer wieder, dass die Entwicklung eines Landes nicht mit militärischen Mitteln befördert werden kann, dass im Gegenteil militärische Abenteuer für die Militärmacht selbst gefährlich werden. Der Kampf gegen Hunger und Not, die gerechte Verteilung der Güter, der Aufbau eines Rechtsstaats, all das ist notwendig für die Erhaltung von Frieden und Wohlstand. Die Osternachricht beflügelt Christinnen und Christen durch Aktionen für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im Sinne des auferstandenen Herrn Christus zu wirken.

Die Wächter sinken um, aber die Frauen werden aufgerichtet. Den Frauen begegnet die göttliche Macht so: Sie nimmt ihnen ihre Furcht Stück für Stück. Sie suchen ein Grab – und kommen zu einer hellen Kammer. Sie suchen einen Toten und begegnen einem Lebendigen. Sie suchen Grabesstille und hören die freundliche Stimme des Engels. Die Stimme spricht ihre Erwartungen an. Sie suchen den toten Jesus. Der Engel sagt dann, was die Frauen nicht, was niemand begreifen kann: „οὐκ ἔστιν ὧδε, ἠγέρθη. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“

Die Nachricht heißt eigentlich in griechischer Sprache: „ἠγέρθη. Egertä“. „Auferweckt ist er“, d. h.: Vom Tod ist er aufgeweckt, wie man vom Schlaf aufgeweckt wird. Was wir morgens erleben, vom Schlaf aufzuwachen oder geweckt zu werden, kann uns die Vorstellung für das Ostergeschehen vermitteln.  Wie aus einem Schlaf hat Gott Jesus von Nazareth aus dem Tod aufgeweckt. „καθὼς εἶπεν· Wie er gesagt hat“, fügt der Engel hinzu,  d. h.: Alles ist nach Gottes Plan geschehen. Jesu Leiden und Sterben war kein bloßer Unfall und kein Scheitern. Sondern Gott selbst hat in seiner Liebe zu den von ihm getrennten Menschen den Tod auf sich genommen, um den Tod zu überwinden. Der Gottessohn hat das Schicksal der Menschen geteilt, damit sie Vertrauen fassen und ihn als Erlöser, als Christus anerkennen können. „Wie er gesagt hat“, heißt: Zu Ostern sind alle Worte, alle Verheißungen Jesu, neu durch Gottes Tat bekräftigt worden.

In der alten Kirche gab es die Sitte des Ostergelächters. Der Pfarrer brachte durch Späße von der Kanzel herab die Gemeinde zum Lachen. Die Sitte hatte ihren Anhalt an den Oster-Geschehnissen. Die Frauen wollten trauern. Aber Stück für Stück wird ihnen die Gelegenheit dazu weggenommen, so dass sie als komische Personen erscheinen. Nicht mehr weinen, sondern lachen sollen sie. So klingt das Ostergelächter selbst gegen den Tod an.

Auf einem Grabmal sieht man den Bürgermeister von Lübeck abgebildet. Darunter steht ein Text:

„Hier leit de Börgermeister Kerkering,/ der so scheef up den Vöten ging./ o Herr mak öm die Schinken liek/ und help öm in dyn Hemmelrik./ Du nimmst dy ja de Schape an./ Lat doch den Buck ok mede gan.“.

Zweifellos ein gutmütiger Spott. Er klingt als Lachen gegen Krankheit gegen Tod. Trotz körperlicher Gebrechen ist die Gabe des ewigen Lebens uns verheißen, unbehinderte Geborgenheit in Gottes Nähe.

Die Osternachricht endet mit einem Auftrag: Die Frauen sollen die Nachricht den Jüngern weitergeben. Sie sollen nach Galiläa gehen, wo Jesus unter Juden und Heiden predigte. Dort werden sie dem Auferstanden selbst begegnen. Denn was sie sonst nicht glauben könnten, dass einmal der Tod besiegt wurde, das muss ihnen der vom Tod auferstandene Christus selbst sagen.

Das war der Ursprung der Osternachricht. Zwei Frauen dürfen sie verbreiten, werden Gründerinnen der christlichen Gemeinde. Schnell gehen sie, ja sie laufen. Die Osternachricht soll schnell verbreitet werden. Mit Furcht und großer Freude laufen sie. Warum mit Furcht? Ja die Ordnung der Welt ist umgekehrt. Der Tod ist nicht mehr todsicher. Die Schreckens-Herrscher verlieren an Macht, der Gekreuzigte überlebt seine Mörder. Nun herrscht nicht mehr der Tod, der seine Geißel schwingt, was viele Menschen zu Verbrechen trieb, damit sie in ihrem kurzen Leben viele Reichtümer erbeuteten. Freude beflügelt die Frauen. Die Macht der Liebe, die sich im Kreuz Jesu offenbarte, ist siegreich geblieben.

Die Ostergeschichte endet mit der Erscheinung des Auferstandenen. Das leere Grab zu sehen, ließ die Frauen schon an der Macht des Todes zweifeln. Die Begegnung mit dem Auferstanden führt zu der endgültigen Gewissheit: Er ist der lebendige Herr. Er grüßt mit dem Gruß, der in griechischer Sprache Freude (χαίρετε, chairete), in hebräischer Sprache Friede, (שָׁלֹֽום׃, shalom) bedeutet. So würdigt er verachtete Frauen und gibt ihnen einen Ehrenplatz in der christlichen Gemeinde. Er beauftragt sie, die Osternachricht auszubreiten unter allen Völkern (V.19). Der Ort seiner Erscheinung ist die Gegend, in der seine Berufung begann, in der seine Jünger und Jüngerinnen ihren Alltag lebten.

Im Alltag will seine Botschaft des Lebens und der Freude uns aufrichten und ermutigen. Lasst uns der Macht des Lebens und der Liebe vertrauen! Amen

Liebe Christi. Leidend, vergebend, tröstend, vollendet.

Karfreitag Meditation über die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz

πάτερ, ἄφες αὐτοῖς, οὐ γὰρ οἴδασιν τί ποιοῦσιν.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lukas 23, 34)

Das erste Wort: Eine Bitte für die andern: Für die Spötter, für die Mörder, die Befehlsempfänger, die Folterknechte, für die Schuldigen überall. Wer sagt das: Ein Leidender, ein Gefolterter, an Leib und Seele Verletzter. Er war entwürdigt worden. Peitschen, an denen Knochenstücke und Bleiklumpen hingen, hatte ihn zerschlagen. Einen Lumpenkönig, einen König mit Purpurmantel und Dornenkrone hatte die Soldateska aus ihm gemacht – ein Karneval des Terrors.

All das ist der Auftakt für das Spiel mit Menschenleben in der Geschichte, für Vernichtung des Lebens. Von der Inquisition bis zur Vernichtung in Gaskammern. Der Mensch vergisst Solidarität mit dem Mitmenschen.

Aber am Kreuz das Gebet für die Unmenschen. Wer spricht? Im Sterben macht der Bergprediger sein Wort wahr: „Betet für eure Verfolger!“ Feindesliebe, die nicht totzukriegen ist. Liebe Christi.

σήμερον μετ’ ἐμοῦ ἔσῃ ἐν τῷ παραδείσῳ.

Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein. (Lukas 23, 43)

Das zweite Wort: Trost für den Mitmenschen im Leid. Er, der Gefährte im Schmerz, wird zum Bruder. Was der Sohn Gottes in der Todesstunde noch versprechen und im Namen Gottes verschenken kann, gibt er ihm. Nicht einem Reichen, Mächtigen, in der Welt Hochgeehrten. Sondern einem als Verbrecher Verurteilten. Einem, der selbst zugeben musste: „Wir empfangen, was unsere Taten verdienen.“ War es ein Räuber? War es ein Befreiungskämpfer, ein Guerillero? Wir wissen es nicht. Jedenfalls ein Mensch, der sein Tun bereute. Der wusste, dass nur die Vergebung Gottes ihm noch helfen konnte. Er wird der Letzte, mit dem der Gottessohn – außer mit seinem himmlischen Vater – noch redete. Ein armer, gefolterter Mensch wird Zeuge der Barmherzigkeit Christi. Zeuge dessen, was all den Armen, Verzweifelten, Leidenden versprochen ist, die in ihrer Todesstunde auf das Kreuz Christi schauen: Mit Christus im Paradies sein. In der Nähe Gottes, in seinem Garten sein wie Gott es von Anfang an wollte: Kind Gottes – unendlich würdig, geehrt, geliebt.

γύναι, ἴδε ὁ υἱός σου. ἴδε ἡ μήτηρ σου.

Frau, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter! (Joh. 19, 26.27)

Das dritte Wort. Zuwendung, Anrede an die Treuen. An Maria, die Mutter. An Johannes, den Freund und Schüler. Nicht immer waren diese beiden treu an seiner Seite. Wie alle andern hat auch Johannes seinem Freund und Meister in der Stunde der Todesangst in Gethsemane nicht beigestanden und geschlafen. Und seine Mutter mitsamt der törichten Familie hatte Jesu Wort und Wirken nicht verstanden, hatte ihn für verrückt erklärt und wollte ihn wie ein unmündiges Kind wieder in ihre Obhut nehmen. All das ist vergeben. Der Sterbende selbst tröstet die, die um ihn Leid tragen. So indem er eine neue Gemeinschaft stiftet: Der Mensch ist des Menschen Arznei, Der Mensch ist des Menschen Trost. Ein junger Mann verliert den Freund und findet eine Frau, die wie eine Mutter wird. Eine Mutter verliert ihren Sohn und findet einen jungen Mann, der sie wie eine Mutter braucht. In der Trauer helfen neue Aufgaben. Wenn der Tod kommt, ist Raum für Zärtlichkeit gegen Lebende. Christus am Kreuz stiftet die Gemeinschaft der Lebenden, die einander lieben.

περὶ δὲ τὴν ἐνάτην ὥραν ἀνεβόησεν ὁ Ἰησοῦς φωνῇ μεγάλῃ λέγων· ηλι ηλι λεμα σαβαχθανι; τοῦτ’ ἔστιν· θεέ μου θεέ μου, ἱνατί με ἐγκατέλιπες.

Und um die 9. Stunde schrie Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Matth. 27, 46)

Das vierte Wort: ein Schrei und ein Gebet. Der Gekreuzigte, leidender Gottesknecht, gemarterter Mensch fällt ein in die Worte des 22. Psalms. Über ihm hat die Gemeinde Jesu Martyrium beschrieben und gedeutet. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern… Meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Der Bösen Rotte hat mich umringt. Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben.“ Schrei und Gebet. Leiden an der Verborgenheit Gottes. Für alle trägt er Einsamkeit im Tod. Und dennoch: Der angeklagte Gott ist zugleich Zufluchtsort. Anklage wandelt sich in Lob. Wie der Psalm endet in der Gewissheit: Einmal werden alle Menschen Gott verehren. So bleibt auch die Einheit zwischen Gott und dem Menschen Jesus erhalten. Und Gott gibt ihm zu Ostern Recht und Leben.

διψῶ.

Mich dürstet (Joh. 19, 28)

Das fünfte Wort, das schlichteste. Die Bitte um Hilfe. Der Gekreuzigte fleht um einen Schluck Wasser. Nach Folterung und letztem Gang, das Ausharren am Kreuzesbalken. Mit zernagelten Gliedern, vom Erstickungstod bedroht, hat Jesus gesagt: Ich habe Durst. Er erhielt Essig. Zeichen der Verhöhnung wie der Hinweis des Evangelisten zeigt: Ps. 22,16.

Nach Ps. 69, 22 ist Galle beigemischt. Oder war der Essig leichter Wein, Getränk der armen Leute? Dann hatte ein Soldat ein wenig Mitleid. Wir wissen es nicht.

τετέλεσται.

Es ist vollbracht! (Joh. 19,30)

Das sechste Wort. Der Tod ist nahe. Angesichts des Todes – das bestätigen Berichte von Menschen, die mit Hilfe von Medizin und Rettungsdiensten ins Leben zurückkehrten – erscheint noch einmal das ganze Leben vor dem geistigen Auge. „Vollbracht“, ist das Wort Jesu in Gehorsam zum Willen des Vaters. Die Liebe Gottes hat er zu den Menschen gebracht, hat seine Wahrheit offenbart und zum ewigen Leben Menschen berufen. Nun ist seine Sendung beendet. Er wird zu dem Vater im Himmel zurückkehren, der ihn entsandt hat. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab. Also – das wird erläutert durch das Kreuz. Es ist das Zeichen der Versöhnung Gottes mit den Menschen, das Zeichen der Gemeinschaft unter den Berufenen. Gottes Nein zur Bosheit der Menschen. Gottes Ja als Ruf zu neuem Leben.

πάτερ, εἰς χεῖράς σου παρατίθεμαι τὸ πνεῦμά μου.

Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. (Luk. 23,46)

Das letzte Wort Jesu wie das erste an den Vater gerichtet. Nun aber schon Abschied von der Erde und von diesem Leben, Wendung zum Himmel. Der Sterbende spricht Worte des 31. Psalms:                                                       

בְּיָדְךָ֮ אַפְקִ֪יד ר֫וּחִ֥י פָּדִ֖יתָה אֹותִ֥י יְהוָ֗ה אֵ֣ל אֱמֶֽת׃

In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.(V. 6)

Dieser Gott, mit dem der Gekreuzigte spricht, hat mit gelitten. Gelitten an der Bosheit der Menschen, gelitten über den Schmerzen des Sohns. Er ist Teilhaber menschlicher Not.

Er ist allmächtig – und doch zugleich gebunden an seine Liebe. Dass die Bosheit des Menschen nur durch Liebe überwunden wird, ist das Geheimnis der Erlösung, das das Leiden des Vaters und des Sohnes

einschließt. Und doch wird aus dem Tod neues Leben zu Ostern erwachsen. Das Geheimnis der Erlösung schließt auch Leben ein. Das Leben Christi und unser Leben.

Die Hände des Vaters bergen alles Leben, auch noch jenseits des Todes. Bergen unsere lieben Toten, einmal uns. Deshalb betet Christus für uns und mit uns: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.

Passionsgottesdienst am 15. März 1996, Auferstehungskirche Laar, Herford

 

Taten aus Liebe – unschätzbar wertvoll.

Predigt über Mk. 14, 3-9, Palmarum  – zum „Palmsonntag“

Die Salbung in Betanien

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Liebe Gemeinde!

Es ist Mittwoch in der Karwoche, nach jüdischem Kalender der 13. Nissan, zwei Tage vor dem Passafest, dem 15. Nissan am Freitag, dem höchsten Fest der jüdischen Gemeinde. Beim Mahl werden sie wieder die Geschichte von der Befreiung aus der Sklaverei nach Gottes Willen erzählen und feiern. Und die Erinnerung nährt die Hoffnung auf die Befreiung aus jeglicher Unterdrückung, damals von römischer Zwangsherrschaft. In Bethanien, einem kleinen Ort südöstlich von Jerusalem, etwa 2,7 km von der Stadt entfernt –  der Name bedeutet Haus der Armen – ist eine Tischgesellschaft versammelt. Simon, der Gastgeber, hatte Grund, dankbar und froh zu sein. Er hatte an einer schlimmen Hautkrankheit gelitten, die ihn isoliert hatte und war wieder gesund geworden, wahrscheinlich durch die Hilfe Jesu. Die Gesellschaft tafelt, bequem wie üblich auf Polstern liegend. Da öffnet sich die Tür. Die Anwesenden glauben ihren Augen nicht zu trauen. Da kommt eine Frau einfach herein, dringt ein in eine Männer-Runde. Das gehörte sich doch nicht! Geradewegs geht sie auf Jesus zu. In der Hand trägt sie ein weiß bis rötlich schimmerndes Gefäß mit einem langen Hals, ein Salbengefäß aus Alabaster. Jetzt ein knackendes Geräusch. Sie hat das Gefäß zerbrochen; sie gießt den ganzen Inhalt über Jesu Haupt. Nichts bleibt zurück, nichts wird gespart von diesem kostbaren Inhalt: Echtes Nardenöl, das kostbarste Öl, das man kannte, gewonnen aus der Nardenpflanze, die in Indien wächst. Ein wunderbarer, ja betäubender Duft erfüllt den Raum. Wie sehr erfrischt musste sich jetzt der Geehrte fühlen! Eine Wohltat für die Haut, die in glühender Sonne leicht trocken wird. Eine Wohltat für die Sinne durch den unbeschreiblich guten Geruch. Aber was hatte das sonst noch zu bedeuteten? Was wollte die Frau mit dieser Salbung, diesem uralten Ritual, sagen?

Männer Israels wurden durch die Hand von Propheten zu Königen gesalbt. Es war bekannt, dass Frauen berühmten Rabbinern das Haupt salbten, um die Lehrer dadurch zu ehren. Aber auch das war bekannt und wurde im Lied der Lieder, dem hohen Lied, besungen: Für die Braut ist der Bräutigam ein König; ihren Bräutigam beschenken Bräute mit dem wunderbaren Duft der Nardensalbe, dem Kostbarsten, was sie besaßen. Gezeigt hat diese Frau: Jesus soll nicht nur höchste Ehre, sondern auch ihre ganze Liebe bekommen.

Freuen sich jetzt der Gastgeber und die Gäste über die Ehre und Liebe, die Jesus zuteil wird? Im Gegenteil! Protest erhebt sich. „Verschwendung“, raunen und murmeln die Männer. Wie kann man dieses teure Öl so vergeuden?! Gute Rechner sind sie. Das ist doch der Jahreslohn eines Arbeiters, der da ausgeschüttet wird, mehr als dreihundert Denare. Und sozial engagiert sind sie: Was hätte man für die Armen mit dieser Summe alles tun können?!

Die Frau muss das mit anhören. Beschämt steht sie da. Wie lange hatte sie gespart! Gerne hatte sie alles hergegeben, um Jesus Ehre und Liebe zu erweisen. Wird sie jetzt weinen oder kann sie ihre Fassung vor den fremden Männern bewahren?

Da greift Jesus ein. Er nimmt die Frau in Schutz. „Lasst sie in Frieden!“ sagt er. „Warum quält ihr sie?“ Er hat gesehen, was die Männer nicht beachtet haben: Die Frau ist beleidigt worden, sie ist jetzt traurig. Und dann ersetzt er den Tadel durch Lob und Anerkennung. καλὸν ἔργον, ein schönes Werk nennt er die Tat der Frau. Schönheit setzt er der praktischen Kosten-Nutzen-Rechnung entgegen.

Hier halten wir inne. Im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung lohnte sich wirklich vieles in unserer Kirche nicht. Die teuren Orgeln und ihre Wartung, die Blumen auf dem Altar, die Kunstwerke in der Kirche, kostbare bunte Fenster, silberne oder goldene Abendmahlskelche und Hostien-Teller, schöne Taufschalen. Was könnte man mit dem Geld nicht sonst alles anfangen? Aber Jesu Kriterium „Schönheit“ steht für Ehre und Würde. Weil Gott uns dient mit seinem Wort, dienen wir ihm hingebungsvoll mit Liedern und schöner Musik, mit Kunstwerken, alles ihm zu Ehren.

Und dann erinnert Jesus daran, dass nicht nur Pläne, Rechnungen  und Kalkulationen unser Denken beherrschen sollen, sondern dass der Mensch im Mittelpunkt stehen soll. Jesus lässt es sich gefallen, dass die Frau ihm Ehre und Liebe erweist. Nun schützt sein Wort die Tat der Frau vor Missdeutung. Beweggrund ihres Handelns war Ehre und Liebe, die sich in Zärtlichkeit und hingebungsvollem Opfer ausdrückte. Schön war ihre Tat. Die Schriftgelehrten kannten den Unterschied zwischen Almosen und so genannten Liebeswerken. Almosen hießen die Geldspenden für die Armen. Liebeswerke gehen über das finanzielle Opfer hinaus. Ein schönes Werk ist ein Werk aus Liebe.  Das hat sie getan.

In Zeiten öffentlicher Spar-Haushalte wird in unserer Gesellschaft wieder der Wert des Ehrenamts erkannt. Von „Wertschätzung“ spricht man oder man sucht sie vergebens. Jesus setzt neue Maßstäbe. Taten aus Liebe sind unschätzbar wertvoll.

Dann erklärt Jesus den kühlen Rechnern: Gelegenheiten, armen Menschen Gutes zu tun, gibt es immer. Aber „mich habt ihr nicht allezeit“. Jetzt wird sein Wort zum Abschiedswort. Sein Leiden und Sterben hat er schon dreimal seinen Freunden angekündigt. Sie reagieren wie wir, wenn einer unserer Lieben von seinem Tod spricht. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Aber die Gegner Jesu haben seinen Tod schon beschlossen, erzählt der Evangelist Markus zuvor. Der Verrat des Judas beginnt, erzählt er danach. Inmitten von Hass und Verrat steht also die zärtliche Zuwendung, die opfermütige Liebe dieser Frau. So wie eine Blume zwischen Stacheldraht erblüht. Oder wie eine freundliche Hand, die den streichelt, der von Feinden und Mördern bedroht ist. „Sie hat getan, was sie konnte“, sagt Jesus. So hat er die arme Witwe gelobt, die das Letzte, was sie hatte, hingab, ihr Scherflein in den Gotteskasten. Das ist das Neue, was Jesu Freunde lernen. „μαθηταὶ, Mathetai“ werden die Jünger in griechischer Sprache genannt, das bedeutet: Sie sind Lehrlinge, Lernende; von Jesus lernen sie. Er hat sie die Liebe zum nächsten Mitmenschen gelehrt. Er hat sie aber auch die Liebe zu Gott gelehrt. Gott und den Nächsten zu lieben, ist die Zusammenfassung des Gesetzes, das höchste Gebot. Und wie die Liebe zu Gott mit der Nächstenliebe zusammengehört, gehört auch das Handeln im Sinne Jesu zusammen mit der Liebe zu ihm. Das sollen auch wir uns merken. „Was würde Jesus dazu sagen“, war die Leitfrage Martin Niemöllers (1892-1984), des Vertreters der Bekennenden Kirche im Nazi-Reich, des Präsidenten im Ökumenischen Rat der Kirchen, vor allen Entscheidungen. So würdigt Jesus das Tun der unbekannten Frau. Ohne Schutz vor Missverständnissen lässt er sich ihr Streicheln, ihre Zärtlichkeit, ihre wohltuende Pflege als einen Liebeserweis gefallen.

Und wieder überraschend deutet er ihr Tun im Blick auf sein eigenes Schicksal: „Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis“, sagt er. So sieht er die Welt, wie sie ist: Bosheit, Grausamkeit, List und Mord, Leiden und Sterben der Opfer. Unter den Opfern jetzt auch er. Aber mitten darin die Tat einer Frau: Zärtliche Zuwendung, pflegende Liebe.

Wir hören die Worte in einer Zeit maßloser Raffgier und ungleicher Verteilung der Güter im Land. Die „Obersten Zehntausend“ verfügen über fast die Hälfte (46,8%) des gesamten Vermögens, die „Untersten“, 50% der Menschen, nur über 3,8 % des gesamten Vermögens (Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Dez. 2004). Mahnungen der Kirche, Eigentum breiter zu streuen (EKD -Denkschrift „Eigentum in sozialer Verantwortung“ (1962), wurden nicht gehört. Mitten in einer Welt des brutalen Egoismus vieler Menschen hören wir die Geschichte von der Frau, die so zärtlich und liebevoll zu Jesus ist, und die Geschichte von Jesus, der umstellt von Verrat und Mord, auf seinem letzten Weg liebevollen Trost erfährt. Und die Geschichte endet mit Jesu Ankündigung: „Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“

הַמָּשִׁ֛יחַ, Maschiach, Messias, in hebräischer, χριστὸς,   Christus in griechischer Sprache, d. h. der Gesalbte, wird Jesus genannt. Die ihn zärtlich lieben wie die Frau, die ihn salbte, erkennen in ihm den Erlöser. Wie den Petrus fragt er uns: „Hast du mich lieb?“ Oder er bestätigt uns wie diese Frau: „Sie hat ein schönes Werk an mir getan.“ „Heilige Verschwendung“ hat der Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich (1886-1965) ihre Tat aus überströmender Liebe genannt. Die Geschichte der Menschheit ist nicht nur das Schlachtfeld  brutaler Kämpfe. Sie ist auch die Geschichte von Männern und Frauen, die verschwenderisch Liebestaten verschenkten.

Das Geheimnis ist immer die Liebe“, heißt ein Buch von Schwester Karoline Meyer. Eine Delegation von Frauen der westfälischen Kirche hat sie vor dem Weltgebetstag in Santiago de Chile besucht. Sie blieb nicht bei ihrem Orden, sondern folgte ihrem Herzen und blieb bei den Armen in Elendsviertel. In Zeiten der Militärdiktatur brachte sie Flüchtlinge in Sicherheit und baute schließlich das große Sozialwerk Fundación Christo Vive auf. So verhindert sie bei vielen Menschen den Absturz in Drogen und Kriminalität und sorgt für Ausbildung und den Weg in ein gutes Leben. Solidarische Hilfe ihrer Förderer begleitet sie auch an der Überwindung der Armut, der sozialen Ungerechtigkeit.

Verschwenderische Liebe geschieht im Dienst für eine neue Schöpfung. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“, sagt der Apostel Paulus (2. Kor. 5,17). Verschwenderische Liebe ist die Antwort auf Gottes verschwenderische Liebe in Natur und Geschichte, in der Schöpfung und Erlösung. Die bunte Pracht der Blumen, der Gesang der Vögel erinnert daran. Die Lilien auf dem Feld, die Vögel unter dem Himmel sind – so die Predigt Jesu – die kleinen Lehrmeisterinnen der Güte Gottes. Menschen werden krank, wenn sie keine Liebe bekommen und auch, wenn sie keine Erlaubnis und Gelegenheit bekommen, Liebe zu üben. Die neue Schöpfung lebt von der Liebe.

Die Geschichte von der Salbung in Bethanien sagt uns: Denkt nicht immer nur an das Nützliche und rechnet den Wert einer Bemühung nicht nur in Geld aus, auch wenn das auf dem Markt verlangt wird! Haltet euch offen für den schöpferischen Augenblick! Lasst das Ehrenamt zu: Das Tun des Guten, auch ohne Bezahlung! Vergesst bei aller Anstrengung und Arbeit die Freude nicht! Lernt von den Christinnen und Christen, die Christus zuliebe Gutes tun! Lernt auch, ein liebes Geschenk anzunehmen! Und vertraut dem, der aus Liebe sein Leben opferte und so Christus wurde, der Gesalbte, unser Erlöser, der uns mit Gott versöhnt, mit Gott, der die Liebe ist!

Amen

Predigt am 17. April 2011, Auferstehungskirche Laar, Herford

 

 

 

 

 

 

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